Moskauer Bank warnt direkt vor Veruntreuung von Vermögen
Der russische Stromriese UES ist ein Superbär

Manchmal hat man es schwer als Monopolist. Vor allem, wenn man zerschlagen werden soll. Das trifft auch die Anleger: Die Aktie des Strommonopolisten Vereinte Energiesysteme Russlands (UES) rutscht ab - und das Schlimmste könnte noch kommen. UES ist die meistgehandeltste russische Aktie und in vielen Osteuropa-Fonds stark vertreten.

MOSKAU. Während der russische RTS-Börsenindex seit Jahresbeginn um rund 28 % zulegte, haben die UES-Aktien bisher gut die Hälfte ihres Wertes eingebüßt. Und das ist erst der Beginn: Auf ein Viertel bis ein Achtel des bisherigen Wertes dürften die UES-Aktien einbrechen, prophezeit die Moskauer Nationalny Reservny Bank (NRB). Die Bank muss es wissen: Sie hält selbst 4,5 % Anteil an dem Stromriesen und ihr Chef, Alexander Lebedew, sitzt dort im Aufsichtsrat.

Hintergrund der düsteren Prognose: Die angekündigte Reform der russischen Energiewirtschaft wird immer weiter verzögert. Außerdem soll der Strommonopolist in Produzent, Verteilernetz und Strombörse aufgeteilt werden. Zwar wird UES nach den bisherigen Plänen die Netzgesellschaft bleiben, also den Gewinn bringendsten Teil des Geschäfts behalten. Doch zu welchen Preisen an wen die bisherigen Strom erzeugenden Töchter gehen und wie viel Geld deren Abspaltung in die UES-Kassen spült, ist unbekannt. Da die mächtigen Oligarchen als Minderheitsaktionäre ihre Finger im Spiel haben, hat UES schlechte Karten und der Anleger ein mieses Blatt. Im übrigen, so die NRB-Analysten, könne man nicht sicher sei, dass die Milliarden-Investitionen nicht vom Management veruntreut würden. Ihre Empfehlung: Verkaufen.

"Inkompetenz und Unprofessionalität"

Das Management ist nicht vom Feinsten. UES-Chef ist der Spitzenpolitiker Anatolij Tschubajs, dem das Nutzen von Insiderwissen vor der Finanzkrise 1998 in einem Rechnungshofbericht nachgewiesen wurde. Zugleich ist er auch Vorstand der Union Rechter Kräfte, die vor der Duma-Wahl im Dezember 2003 dringend Geld braucht. Jetzt schaltet sich sogar der Kreml ein, dem bisher 52% von UES gehören. Präsident Putins Wirtschaftsberater Andrej Illarionow kanzelt Tschubajs ab: "Es herrschen Inkompetenz und Unprofessionalität. Die Regierung hat durch das Missmanagement schon 4 Mrd. $ verloren. In jedem anderen Land der Welt würde so ein Manager fliegen."

Doch offenbar genießt der UES-Chef Protektion, vermutet der Moskauer Investmentfond Hermitage Capital. Zudem würden gezielt UES-Töchter und-Anteile unter Wert an ausgesuchte Oligarchen gegeben. Das Image von UES ist inzwischen ruiniert. Dagegen hilft nicht einmal mehr, dass Merrill Lynch zusammen mit der Moskauer Alfa-Bank zu Investitions-Consultants von UES benannt wurden. Als Schlag erwies sich zudem, dass der deutsche Energiekonzern Eon kürzlich den angeblichen Kauf eines UES-Kraftwerks dementiert hat.

UES ist nach Meinung der NRB-Bank ein "Super-Bär". Zum Bullen dürfte die Aktie erst wieder werden, wenn eine transparente und ausgereifte Stromreform durchgeführt wird. Doch daran haben in Russland nur sehr wenige Interesse - vom 145 Millionen Menschen zählenden Volk einmal abgesehen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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