Moskauer Geiseldrama
Beten, Bangen, Warten - die Geiseln hoffen auf ein Wunder

Fassungslos hört die Moskauer Studentin Aglaja auf ihrem Handy die Stimme ihres Vaters. Die Geiselnehmer haben ihn ausgewählt, um die Schreckensnachricht zu verbreiten.

HB/dpa MOSKAU. "Wenn die Forderungen nicht erfüllt werden, beginnen morgen früh die ersten Erschießungen", berichtet Aglajas Vater aus der Konzerthalle. Die Terroristen missbrauchen die Menschen in ihrer Gewalt als Sprachrohr.

Seit Mittwochabend bangt die 23-jährige Aglaja um ihren Vater. An einer Polizei-Absperrung vor dem von den Terroristen gestürmten Musical-Theater wartet die Tochter auf einen Anruf, ein Lebenszeichen ihres Vaters. Die Lage in dem dunklen, fensterlosen Konzertsaal muss schrecklich sein, sagt Aglaja der dpa.

"Die Geiselnehmer geben uns nichts zu essen und zu trinken", hat ihr Vater bei einem früheren Anruf berichtet. Er habe am Telefon gefleht, die Polizei solle das Gebäude nicht stürmen. Später sei das Gespräch unterbrochen worden. Die Geiselnehmer entscheiden willkürlich, wer im Saal mit der Außenwelt telefonieren darf.

Seit der Erstürmung der Konzerthalle am Mittwochabend mitten in der Aufführung des beliebten Flieger-Musicals "Nord-Ost" harren Hunderte von Menschen in Todesangst im Zuschauersaal aus. Nach zwei langen Nächten ist die Stimmung unter den Menschen niedergeschlagen. "Viele fühlen sich schlecht, viele haben psychische Störungen", berichtet Georgi Wassiljew am Telefon.

Wassiljew ist einer der Komponisten des Musicals und befand sich zum Zeitpunkt der Erstürmung im Gebäude. Mit den Nerven völlig am Ende wartet Wassiljews Frau Katja auf weitere Anrufe. "Sie halten uns im Saal eingesperrt. Wir bekommen kein Wasser, dürfen nicht auf die Toilette", hatte Wassiljew in der Nacht berichtet. Niemand weiß, wie lange der Albtraum noch dauernd wird und wie alles endet.

In ihrer Verzweiflung haben einige der Geiseln Appelle an Präsident Wladimir Putin und die Öffentlichkeit geschrieben. "Im Saal halten ständig 15 Rebellen mit Sprengsätzen am Körper Wache", heißt es darin. "Sie beobachten aufmerksam alle Gänge, Bühnengerüste und Keller, woher die Einsatzkräfte bei einer Erstürmung auftauchen könnten." Die Mahnworte enden in einem verzweifelten Appell an den Krisenstab draußen: "Macht Zugeständnisse bei den Verhandlungen, aber wagt auf keinen Fall, das Gebäude zu stürmen!"

Besonders erniedrigend sei die Entscheidung der Geiselnehmer, niemanden auf die Toilette zu lassen. "Benutzt den Orchestergraben", sagten die Terroristen nur. In ihrer Not benutzen einige Plastiktüten. Andere versuchten, so wenig wie möglich zu trinken und zu essen.

In der Nacht darf ein russischer Arzt erstmals das angeblich verminte Gebäude betreten. Ein russisches Kamerateam begleitet ihn. Die Gruppe wird von den Terroristen in eine kleine Küche geführt, wo die Anführer ihr Lager aufgeschlagen haben.

Der Terror im Moskauer Musical-Theater hat inzwischen auch ein Gesicht. Mit müden dunklen Augen, blassem Gesicht und einem ins Rötliche schimmernden Drei-Tage-Bart sitzt der Anführer Mowsar Barajew betont lässig auf einem Hocker. Als einziger der Kriminellen hat der erst 23-Jährige, der in seinem jungen Leben nur Krieg und Verbrechen kennen gelernt hat, sein Gesicht nicht vermummt.

Auf einen Fingerzeig des Anführers hin werden zwei vermummte Terroristinnen in weiten schwarzen Umhängen in den Raum geführt. Vor dem Bauch tragen die Frauen jeweils ein braunes Paket, das vermutlich Sprengstoff enthält. Die Terroristinnen lassen keinen Zweifel, dass sie sich jederzeit damit in die Luft sprengen würden.

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