Moskaus Aussagen sind widersprüchlich
Russland ringt um seine Rolle im Terrorismus-Kampf

Russland und die USA "haben einen gemeinsamen Feind - den internationalen Terrorismus". Unter dieser Prämisse sucht Kremlherr Wladimir Putin nach dem richtigen Weg der Kooperation mit Washington.

Angetrieben wird der Kreml vom gemeinsam mit Amerika geteilten Interesse, das Taliban-Regime zu entmachten; zurückgestoßen von der Sorge, tiefer als erträglich in die Folgen des internationalen Terrorismus hineingezogen zu werden.

"Russlands weichen Bauch" nennt Moskaus Generalstab die relativ unstabilen Staaten Zentralasiens. In der Tat ist diese an das von den fundamentalistischen Taliban beherrschte Afghanistan grenzende Region für Russland eine nur schwache Pufferzone. Ein Krieg mit Afghanistan würde zudem Zehntausende von Flüchtlingen nach Tadschikistan, Usbekistan, Kirgistan, Kasachstan und Turkmenistan bringen. Hinzu käme die Belebung der ohnehin erstarkenden fundamental-islamischen Zellen in diesen Ländern, die auch auf Russland ausstrahlen: Denn Russland ist - entgegen der Wahrnehmung im Westen - in vielen seiner Republiken ein muslimisch geprägtes Land und nicht nur orthodoxem Christentum verpflichtet.

Daneben sind die Überlegungen im noch immer weit gehend atheistischen Riesenreich von drei weiteren Faktoren geprägt. Im Tschetschenien-Konflikt hofft Moskau, dass der Westen das russische Engagement gegen die angeblich auch zum internationalen Terrornetz zählenden tschetschenischen Rebellen würdigt. Zweitens weiß Russland, dass Washington seinen Kampf auch ohne Billigung des Kremls aufnimmt. Nach dem Kosovo-Krieg will Russland nicht ein weiteres Mal übergangen werden. Daher will Moskau durch eine (wie auch immer geartete) Beteiligung an Vergeltungsschlägen sicherstellen, bei der darauf folgenden Neudefinition der Weltordnung eingreifen zu können.

Moskau will gleichberechtigter Teilnehmer werden

Nicht zuletzt will der Kreml auch für sich das Beste aus einer Kriegskooperation herausholen. Moskau erhebt Anspruch auf die Rolle eines gleichberechtigten Teilnehmers, dessen Meinung für die Festlegung des künftigen Kurses genauso wichtig sei wie die der USA; das fordern auch liberale Verteidigungspolitiker. Moskau verlangt neben einer Mitbestimmung über die Anti-Terror-Ziele ein Entgegenkommen beim geplanten US-Raketenabwehrsystem, bei der Nato-Osterweiterung, bei der Akzeptanz der Vormachtrolle in Zentralasien und im Kaukasus sowie bei weiteren Finanzhilfen.

Doch wirft die Kooperation mit den USA auch erhebliche Fragen auf: Iran, Irak, Libyen, Kuba oder Nordkorea werden von der Bush-Administration bekämpft, zählen aber zu des Kremls traditionellen Freunden. Was passiert zudem, wenn Washington ohne Uno-Mandat losschlagen will, auf dem Russland immer bestanden hat?

Immerhin hat die Tragödie in den USA in Russland schon heute einen Umschwung bewirkt: Moskau wendet sich wieder stärker Amerika zu, nachdem die Putin-Ära bisher im Gegensatz zur Politik seines Vorgängers Boris Jelzin von einer Orientierung auf Europa geprägt war. Aber noch hat Putin seinem Land nicht gesagt, in welche Richtung es weiter gehen wird. So bleiben alle Aussagen über eine Beteiligung an Vergeltungsschlägen der Amerikaner noch widersprüchlich - bis sich der Kremlchef wirklich entschieden hat.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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