Moskaus Kurse steigen
Russland gilt als Bulle unter den Bären

Moskauer Analysten sind unverändert optimistisch. Trotz einiger negativer Unternehmensnachrichten - unter anderem vom Gasgiganten Gazprom - glauben sie an weiter steigende Kurse. Bis Anfang nächsten Jahres wird der RTS-Index wieder auf 400 Punkte steigen, sagt die Mehrheit der Experten.

MOSKAU. "Mit dem Verstand ist Russland nicht zu begreifen", lautet die alte Weisheit des Dichters Tjutschew. Dieser Tage bewahrheitet sie sich erneut: Alle makroökonomischen Faktoren stimmen optimistisch, Moskaus Kurse steigen und Investoren entdecken Russlands boomende Börse zunehmend als sicheren Hafen in kriselnden Zeiten. Da verhageln verheerende Firmen-nachrichten um den Gasgiganten Gazprom und den Strommonopolisten Vereinte Energiesysteme (UES) die Hoffnungen der Anleger.

Dennoch bleiben Moskauer Analysten optimistisch. Zwar sei der September ein historisch schwacher Monat für die russische Börse, doch dann werde sich der RTS-Index wieder fangen und bis Januar auf 400 Punkte klettern. Dies glaubt nach einer Umfrage der "Moscow Times" die Mehrheit der Strategen, Research-Chefs und Ökonomen von in Moskau ansässigen Investmentbanken. Sensationell wäre aber selbst ein Überspringen der 400er-Marke nicht. Denn am 21. Mai hatte der RTS einen Rekordstand von 421 Punkten erreicht. Seither ist er zwar um rund 20 % auf zuletzt circa 335 Punkte gesunken, hat sich aber im Gegensatz zu anderen Indizes wieder gefangen. Peter Westin, Chefökonom der Moskauer Investmentgesellschaft Aton, begründet dies damit, dass "Russlands makroökonomische Lage eine der stärksten unter allen Emerging Markets ist".

Russlands Wirtschaft wächst weiter; das Bruttoinlandsprodukt ist im ersten Halbjahr um 3,8 % gestiegen. Die Inflation sinkt, die Auslandsverschuldung sinkt, Haushalts- und Handelsüberschüsse werden, wenn auch immer geringer, erwirtschaftet. Allerdings sind die Unternehmensgewinne im ersten Halbjahr um 40 % eingebrochen. Gleichwohl gibt es kaum Grund zur Unzufriedenheit am Moskauer Markt - zumindest nicht mit dessen jüngster Vergangenheit: Binnen vier Jahren legten russische Aktien um durchschnittlich 450 % zu.

Über die Perspektiven scheiden sich indes die Geister: James Fenkner vom Brokerhaus Troika Dialog sieht vor allem russische Ölwerte noch immer um 40 % unterbewertet im Vergleich zu westlichen Konkurrenten. "Russische Aktien sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von durchschnittlich 8,5 immer noch die billigsten in der Welt", pflichtet Roland Nash bei, Chefanalyst der Moskauer Investmentbank Renaissance Kapital.

Doch auch wenn Moskaus Analysten den Markt in den schönsten Farben darstellen - nicht zuletzt, um Kunden zu gewinnen -, so mischen sich doch etliche Grautöne ins Russland-Bild: So will der Staat vom Petrodollar-Segen der stark gestiegenen Ölexporterlöse der Konzerne profitieren und hat die Ölexportsteuern deutlich erhöht. Das wird auf die Profite der Ölkonzerne - die den Löwenanteil im RTS ausmachen - durchschlagen. Und der Festnetz-Telefonmonopolist Rostelekom musste seine Vorjahresergebnisse korrigieren - als Folge des Wechsels des Wirtschaftsprüfers.

Noch schlimmer sieht es beim weltgrößten Gaskonzern Gazprom aus: Binnen zwei Tagen wurden 750 Mill. $ Marktkapitalisierung vernichtet. Der Gasriese hat einen dubiosen Kreditdeal mit der Meschprombank des Oligarchen Sergej Pugatschow gemacht. Seither haben Insider Angst, dass Gazprom in die Hände des zwielichtigen Bankiers gerät und wie unter dem früheren Management ausgeplündert wird - zum Schaden der Aktionäre. Neben der unklaren Tarifpolitik für Gas- und Strompreise werden die Kurse von Gazprom und dem Elektrizitätsmonopolisten Vereinte Energiesysteme (UES) auch davon belastet, dass der Kurs der Privatisierung und Entmonopolisierung unklar ist.

Doch es gibt auch helle Farbtupfer im Russland-Gemälde: Der Durchbruch für das Land zwischen Petersburg und Pazifik kommt, wenn die Anleihe-Ratings bald so angehoben werden, dass internationale Investoren sie kaufen können, meint Templeton-Fondsmanager Mark Möbius (s. "Nachgefragt"). Wenn die Ratings von Standard & Poor?s oder Moody?s hoch genug sind, könnten US- und Luxemburger Fonds ein Auge auf Moskau werfen: "Rote" Bonds und Aktien würden stark nachgefragt, die Kurse explodierten.

Doch schon jetzt gelte, "die Diät-Mode des Abnehmens ist an Russland vorbei gegangen", meint die Wirtschaftszeitung "Finansowyje Iswestija". Denn während der Dow Jones seit Jahresbeginn 28 % gesackt sei, habe der RTS-Index in dieser Zeit 28 % gewonnen. Russland sei eben "der Bulle unter den Bären".

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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