Motiv liegt im Dunkeln
Auf der Suche nach dem Warum

Nachbarn und Kommilitonen rätseln über die Gründe für den Mord an Jakob von Metzler. Sein Freund Milad erinnert sich fassungslos und mit Tränen in den Augen daran, dass er am Freitag noch mit dem lfjährigen Fußball gespielt hatte.

ddp FRANKFURT. Keiner will ihn gekannt haben an der altehrwürdigen Frankfurter Universität. Und auch im eigenen Fachbereich Jura erinnert sich niemand an den mutmaßlichen Mörder des elfjährigen Jakob von Metzler. Doch alle stellen sich am Mittwoch die gleiche Frage: Welches Motiv hatte der 27-jährige Jurastudent Magnus G.?

Er müsse jedenfalls ernsthaft studiert haben, vermuten die Kommilitonen, schließlich sei nach 13. Semestern gerade im ersten Staatsexamen gewesen. Das Thema beherrscht die Gespräche an den Mensatischen. Als angehender Jurist, doziert ein Mitstudent, habe er bestimmt gewusst, dass die Geldübergabe immer der kritischste Punkt sei: "Damit steht und fällt die Aktion."

Jakob, jüngster Sprössling einer alteingesessenen Frankfurter Bankiersdynastie, war am vergangenen Freitag entführt und nach Polizeierkenntnissen am gleichen Tag ermordet worden. Dass er gekidnappt wurde, wussten die Frankfurter seit Montag, von seinem Tod erfuhren sie am Dienstag. Und während Polizei und Staatsanwaltschaft weiter die Hintergründe der schrecklichen Tat aufzuklären versuchen, beschäftigt nicht nur die Studenten in der Mensa der Gedanke, dass Jakob möglicherweise starb, weil er einen ganz naheliegenden Wunsch hatte: Als Sohn vermögender Eltern ein normales Leben in der Stadt zu führen.

"Den Mut der Metzlers hatte ich nie", sagt eine 50-jährige Frankfurterin, die vor der Bankiersvilla an der Mörfelder Landstraße Blumen ablegt. Ihre Kinder werden in einem besonderen Schulbus transportiert. Jakob nahm immer den öffentlichen, die Linie 35, und hatte von der Haltestelle rund 500 Meter Fußweg bis zu seinem Elternhaus. Auf diesem Wegstück wurde er am Freitag gekidnappt. "Dass die Familie jetzt auf so fürchterliche Weise dafür bezahlt, ist unmenschlich", sagt die Frau - "nur weil sie ihrem Sohn keinen Sonderstatus verschaffen wollten", fügt sie hinzu.

Auch Milad ist zum Anwesen der Metzlers gekommen. Er ist zwölf Jahre alt und wohnt mit seinen deutsch-iranischen Eltern in Sachsenhausen. Er geht dort auf die Carl-Schurz-Schule, die auch Jakob besuchte. Milad war eine Klasse höher, jeden Morgen fuhren sie zusammen mit dem Bus. Der Freitag, letzter Schultag vor den Herbstferien, begann mit einer Freistunde. "Ich habe mit Jakob Fußball gespielt", erzählt Milad mit Tränen in den Augen. Kurz nach halb elf stiegen sie dann - wie immer - zusammen aus dem Bus. Milad weiß, dass er zu den Letzten gehört, die Jakob lebend gesehen haben.

"Am Freitag hatten wir alle nur gute Laune", erinnert sich der Junge. Schließlich standen die Ferien vor der Tür. Dass es den Jakob, mit dem er eng befreundet war, nicht mehr gibt, will Milad nicht begreifen. Noch im Blumenladen, erzählt die Großmutter an seiner Seite, wollte der Junge wieder umkehren. "Weil er das noch nicht glauben kann", fügt sie hinzu.

Jakob, der Freund von Milad, hatte wohl nie eine Chance, seine Entführung zu überleben. Den Ermittlungen der Polizei zufolge kannte er den Täter. Zum Zeitpunkt der Übergabe von eine Million Euro Lösegeld am Montag war er schon tot. Der Elfjährige starb, weil er in der Stadt Frankfurt am Main so leben wollte, wie sein Freund Milad. Und die Frankfurter fragen sich, ob er und seine vermögenden Eltern etwas Unmögliches gewollt haben.

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