Archiv
Mozart im Bordell - Eklat bei «Entführungs»-Premiere in Berlin

Berlin (dpa) - Splitternackte Sänger, schwüle Duschszenen, Leichenschändungen und viel Blut: Mit seiner Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts «Entführung aus dem Serail» hat der spanische Starregisseur Calixto Bieito an der Komischen Oper in Berlin einen Eklat ausgelöst.

Berlin (dpa) - Splitternackte Sänger, schwüle Duschszenen, Leichenschändungen und viel Blut: Mit seiner Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts «Entführung aus dem Serail» hat der spanische Starregisseur Calixto Bieito an der Komischen Oper in Berlin einen Eklat ausgelöst.

Erzürnte Zuschauer verließen noch während der Premiere den Saal. Buhrufe übertönten die Musik, von den Rängen wurde gegen den Kulturverfall in Deutschland gewettert.

Provokateur Bieito, der schon 2001 in Salzburg für einen Skandal gesorgt hatte, setze Fans des heiteren Mozart und Opernpuristen schwer zu. Das Singspiel aus dem Jahr 1782 steht für den Spanier nicht mehr als Parabel für die Macht der Liebe über die Grenzen von Glauben und Kultur hinweg. Der Regisseur, der bereits in Hannover und Frankfurt für viel Ärger sorgte, verlegt die Entführungs-Geschichte der blonden Europäerin Konstanze (Maria Bengtsson) und ihrer Zofe Blonde (Natalie Karl) vom Harem eines osmanischen Despoten in ein Bordell zwischen Rotlichtbezirk und Disco, wo Frauen im Glaskasten mit Bett und Bidet um Kunden werben. Neben der in rosa Licht getauchten Bühne (Bild: Alfons Flores, Kostüme: Anna Eiermann) flimmern Video-Wände mit Bildern von Sucht und Fetisch.

Der Bassa Selim (Guntbert Warns) ist für Bieito nicht wie bei Mozart der gütige Herrscher, der dem um Konstanzes Liebe werbenden Befreier Belmonte (Finnur Bjarnason) nachgibt, sondern ein geiler, von Obsessionen geplagter Puffherr. Den einstigen Jesuitenschüler Bieito interessiert die Mozart-Oper mit ihren Anklängen an türkische Janitscharen-Musik nicht als Multikulti-Spektakel aus der Zeit der Aufklärung. Der katholische Katalane rückt die Abgründe der Begierde, das Wechselspiel von Sex und Macht mitten auf die Bühne. Doch durch Bieitos Lesart wirkt das Geschehen auf der Bühne oft sehr komisch.

Wenn sich Aufseher Osmin (Jens Larsen) zur Arie «Wer ein Liebchen hat gefunden» nach dem Duschbad von seiner Lieblings-Prostituierten die Unterhose anziehen lässt, Belmonte sich als Transvestit verkleidet in das Freudenhaus schleicht und die Paare im Zweiviertel- Takt kopulieren, wird aus dem Psychospiel eine schlüpfrige Klamotte. Mit dem Text nimmt es Bieito auch nicht so genau. Nicht immer wird das Original-Libretto gesprochen, oft sind es Rap-Fetzen oder Dialoge aus dem Film «Der letzte Tango in Paris».

Bereits seit mehreren Tagen hatten Berliner Zeitungen aus den Proben von Gewaltorgien und Sadomaso-Exzessen berichtet. Bieito hat offenbar für die Premiere die anstößigsten Szenen entschärft - allerdings zu wenig für viele Buhrufer und andere Kritiker. Als Osmin eine Bordell-Bedienstete mit spitzem Messer blutrünstig traktiert und schließlich enthauptet, platzt vielen Zuschauern der Kragen. «Scheiße»- und «Pfui»-Rufe ertönen.

Auf der Strecke bleibt auch Mozart. Das Orchester (Leitung: Kirill Petrenko) muss gegen die Bilder- und Reizflut auf der Bühne anspielen und verliert. Am Ende wird alles zu «Pulp Fiction». Belmonte und sein Helfer Pedrillo (Christoph Späth) massakrieren sämtliche Bordell- Insassen. Und Konstanze wird die Liebe ihres Befreiers unheimlich - sie gibt sich selbst die Kugel.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%