Müller wird neuer RAG-Vorstand
Kommentar: Ein Kandidat mit Vergangenheit

Schneller als erwartet sind die Würfel offenbar gefallen: Zu Wochenbeginn hieß es noch, der neue RAG-Chef werde erst kurz vor Ostern gekürt. Doch gestern waren die Dämme bereits gebrochen, in den Reihen der Anteilseigner der früheren Ruhrkohle AG wurde nur noch ein Name genannt - Werner Müller, der parteilose ehemalige Bundeswirtschaftsminister.

HB DÜSSELDORF. Diese Entscheidung wäre nicht ohne Pikanterie. Mit fast 40 Prozent der Aktien ist der Energieriese Eon der größte Anteilseigner der RAG. Ausgerechnet Eon ist das Unternehmen, das in der Vergangenheit ganz besonders von einer Entscheidung des Bundeswirtschaftsministeriums profitiert hat - nämlich von der Ministererlaubnis für die Ruhrgas-Übernahme durch Eon. Als Wirtschaftsminister hatte sich Müller vehement für die Fusion von Eon und Ruhrgas AG eingesetzt. Sowohl das Kartellamt als auch die Monopolkommission hatten sich gegen die Großfusion ausgesprochen. Damit Eon die Mehrheit am größten deutschen Gasversorger bekam, musste auch die RAG ihre Ruhrgas-Anteile an Eon abtreten. Im Gegenzug überließ Eon der RAG ihre Chemietochter Degussa - damit will die frühere Ruhrkohle AG neue Geschäftsfelder erschließen und sich zumindest in Ansätzen vom alten Steinkohle-Geschäft lösen.

Werner Müller drängt sich als Kandidat für den Chefposten bei der RAG nicht auf. Mit dem Degussa-Vorstandsvorsitzenden Utz-Hellmuth Felcht hätte ein zweiter, mindestens ebenbürtiger Kandidat zur Verfügung gestanden. Müllers Berufung wird immer mit einem schalen Beigeschmack verbunden sein - zu stark war sein Engagement für Eon bei der Ruhrgas-Übernahme. Der Schatten dieses Geschäfts wird ihn dauerhaft im neuen Amt begleiten. Denn stets haftet ihm der Makel an, dass das Wirtschaftsministerium unter seiner Führung das spektakuläre Eon-Ruhrgas-Geschäft durchgewinkt hat - und wenig später wird der Minister mit einem wichtigen Amt ausgerechnet in einem der Unternehmen belohnt, das von der Ruhrgas-Übertragung profitiert.

Doch auch aus einem anderen Grund ist die Berufung des ehemaligen Wirtschaftsministers in das RAG-Amt mehr als problematisch. Mit Degussa-Chef Felcht hätte die RAG einen völlig neuen Weg einschlagen können. Noch lebt das Unternehmen zu wesentlichen Teilen von Subventionen für den Steinkohle-Bergbau, an die 2,5 Milliarden Euro fließen jährlich an den einzigen deutschen Steinkohle- Produzenten. Die Montan-Mitbestimmung lässt dem Management zudem zu wenig Freiraum, um bei der RAG echtes unternehmerisches Denken zuzulassen.

Unter Felcht wäre die Degussa zum neuen Kern des mit der RAG zusammengeschlossenen Konzerns geworden. Die Chemie-Sparte hätte er zum Hoffnungsträger der alten Ruhrkohle machen können. Denn im Jahr 2005 wird über die Zukunft der Kohlesubventionen entschieden - und wahrscheinlich muss sich der Konzern auf eine Kürzung einstellen.

Müller steht für eine Fortsetzung der Subventionspolitik. Das ist auch der Grund dafür, weshalb ihn die Arbeitnehmerseite im RAG-Aufsichtsrat durchgedrückt hat. Müller ist der Kandidat, der für die Vergangenheit steht und die RAG nicht aus ihrer Politisierung befreit. Das falsche Signal zum falschen Moment.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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