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München, Alaaf! An der Isar feiern Jecken KarnevalDPA-Datum: 2004-07-06 13:40:29

München (dpa) - Kurz vor Mitternacht ist es so weit. Aus den Lautsprechern erklingt «Viva Colonia», 250 Menschen recken klatschend die Hände empor, stoßen mit Kölsch-Gläsern an oder fallen sich schunkelnd in die Arme.

München (dpa) - Kurz vor Mitternacht ist es so weit. Aus den Lautsprechern erklingt «Viva Colonia», 250 Menschen recken klatschend die Hände empor, stoßen mit Kölsch-Gläsern an oder fallen sich schunkelnd in die Arme.

Wer bierselig umkippen wollte, er könnte es gar nicht, denn die Disco «Kokoro» auf dem Münchner Partyareal «Kultfabrik» ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Voll mit ausgelassenen Menschen vom Studenten- und Senioren-Alter, die hier etwas machen, was es wohl kein zweites Mal gibt: Sie feiern mitten im Sommer Kölner Karneval - und das in München.

«Bei uns, da ist eben das ganze Jahr über Karneval», sagt Ralf Esser. In der Hand hält er ein halb volles Kölsch-Glas, vor seiner Brust baumelt ein Metallorden. Die Münchner Frauenkirche und der Kölner Dom stoßen darauf miteinander an - mit Hellem und Kölsch. Das Logo ist das Markenzeichen des «Köln-Münchner-Karnevals-Vereins» (KMKV), der die Party hier organisiert, und den Esser als «größten kölschen Fastelovends-Verein außerhalb von NRW» rühmt. Einmal im Monat - immer am ersten Mittwoch - treffen sich die Narren, «egal ob im tiefsten Winter, zur Wiesn-Zeit oder im Hochsommer bei 40 Grad».

Das eherne Karneval-Gesetz, dass die Session alljährlich an Aschermittwoch zu Ende ist, «das interessiert uns hier nicht», sagt der 33 Jahre alte Vize-Vorsitzende, der hinter dem DJ-Pult steht und Karnevalshits nonstop auflegt. 150 CDs stecken im silbernen Metallkoffer - «alle Lieder, die man braucht. Denn kölsche Musik ist das beste Mittel gegen Heimweh.» Gerade ist «Drink doch eine met» von der Kult-Band «Bläck Fööss» («Blanken Füße») dran, und wie auf Kommando wird ein Kölsch gereicht. 0,2 Liter vom Fass, original aus Köln importiert, sind schnell geleert, da singen die «Bläck Fööss» gerade «In der Wirtschaft is' die Stimmung groß».

Das trifft auch für die KMKV-Party zu, und vor allem ist sie multikulturell: Zwar sind für Maßkrug-gewöhnte Bayern solche 0,2- Kölsch-Stangen «eher Reagenzgläser» und «erst mal ein Kulturschock», wie Christof (25) aus Schwabing erklärt und das Glas in einem Zug leert. Aber 25 Münchner sind inzwischen KMKV-Mitglieder, weniger als die Hälfte der 200 wurde im Schatten des Kölner Doms geboren. Und der Rest? Tobias stammt aus Bonn, Petra und Michael hat es aus Düsseldorf an die Isar verschlagen, und Anika lebte früher in Lübeck. «Aber hier ist das egal. Hauptsache, man versteht die Texte, und einen hat der Karnevals-Virus angesteckt», sagt die 30-Jährige und zitiert einen Hit der Stimmungs-Band «Höhner»: «Es heißt ja:, Wo mir sin, is Kölle.'»

Genau das dachten sich einst auch einige Mitarbeiter einer Münchner Versicherung, die Anfang der 90er Jahre einen monatlichen «Kölner Abend» ins Leben riefen - erst in ihren Privatwohnungen, später in einer Wirtschaft, wo es Kölsch gab. Aus dieser «närrischen Urzelle», wie Esser sie nennt, gründeten elf Karnevalsfreunde dann im Sommer 2001 den KMKV. «Das war in unserer Stammkneipe», erinnert sich der Vize-Vorsitzende, «eine spontane jecke Idee.»

Aus dieser Idee ist inzwischen ein aktiver Verein geworden, der bereits an zwei Karnevalszügen in Kölner Vororten teilnahm und 2005 erstmals beim Rosenmontagszug in der Domstadt starten will. Und auch in München gilt dank KMKV das kölsche Motto «D'r Zoch kütt»: Immer an Faschingsdienstag ziehen die Jecken mit Bollerwagen vom Stachus zum Marktfrauentanz am Viktualienmarkt und schmeißen dabei Kamelle (kölsch für Bonbons) und Strüßje (Blumen). «Und unser Ziel ist es», verrät Esser, «auf der Leopoldstraße mal einen Kölner Karnevalszug zu veranstalten. Wir kriegen die Münchner schon noch vom Fasching zum Karneval bekehrt.» Klingt ja auch nicht schlecht: München, Alaaf!

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