Münchner Internetfirma stellt Insolvenzantrag
Sport.de zieht die Reißleine

Als der Neue Markt in die Knie ging, nahm das Unheil seinen Lauf: Der Börsengang der Sport.de AG wurde Monat um Monat verschoben, die Kasse leerte sich zusehends. Jetzt hat Sport.de Insolvenzantrag gestellt. Konkurrierende Internetfirmen wie Sport1 schielen darauf, günstig zugreifen zu können.

DÜSSELDORF. 900 000 Besucher, 20 000 Webseiten, über 130 Sportarten - aber keine müde Mark mehr im Geldbeutel. Die Sport.de AG, München, ist pleite. Das Internetportal hat beim Münchner Amtsgericht Insolvenzantrag gestellt, nachdem der geplante Börsengang nie realisiert werden konnte, viele Kooperationsgespräche nicht zum Erfolg führten und zuletzt auch ein Konkurrent das Angebot einer Mehrheitsbeteiligung ablehnte.

Der Vorstand und die insgesamt 47 Mitarbeiter müssen nun auf Investoren hoffen, die zum Schnäppchenpreis beim ältesten deutschen Internet-Sportportal einsteigen. Schon seit 1996 liefert Sport.de Neuigkeiten, Ergebnisse und Servicedienste aus der breiten Welt des Sports. Selbst über exzentrische Sportarten wie Fallschirmspringen, Geröllsnowboarden oder Unterwasserrugby kann man sich bei Sport.de informieren. Die umfassende Berichterstattung hat der Münchner Internetfirma in Insiderkreisen zwar viel Lob eingebracht, aber eben kein Millionenpublikum. Und damit nicht jenen Umsatz, der nötig gewesen wäre, um das Start-Up ohne strategischen Partner in die Gewinnzone zu führen. Etwa sechs Mill. DM hat Sport.de in diesem Jahr bisher umgesetzt, davon ein gutes Drittel im Onlineshop, in dem Sportartikel verkauft und Event-Reisen vermittelt wurden. Vor zwei Wochen musste der Shop schließen, weil der gescheiterte Börsenaspirant seine Lieferanten nicht mehr bezahlen konnte. Der nächste freie Fall im Netz der Netze.

Investoren einer Privatplatzierung, die im Frühjahr 1999 für insgesamt 5,8 Mill. DM auf einen Volltreffer mit Sport.de gehofft hatten, verschaffen nun dort ihrem Ärger Luft, wo das Geld verbrannt ist - im Internet: "Mein Beileid allen, die ihr Geld verloren haben", schreibt einer im Forum von Wallstreet-Online. Ein User mit dem gar unpassenden Aliasnamen "Depot-Doping" drückt sich klarer aus: "Elende Drecksaktie." Inzwischen werden seine Papiere beim Online-Versteigerer eBay für 1 DM angeboten.

Dabei schienen die Aussichten für das Portal mit der eingängigen Internetadresse "Sport.de" lange Zeit gut: Für Fußball und Formel 1 interessiert sich ein Millionenpublikum; neben Sex, Musik und Finanzen werden Sportseiten im Web am häufigsten besucht. Der Börsengang, zunächst für 1999 terminiert, wurde unter Führung der Konsortialbank ABN Amro Rothschild auf Juni 2000 verschoben. Als dann der Neue Markt in die Knie ging, nahm das Unheil seinen Lauf. Die Kurse rutschten weiter, der Pegelstand der Sport.de-Kasse auch.

Eine bereits geschaltete Werbekampagne, mehr als eine Million DM teuer, wurde wieder storniert. "Der geplante Börsengang hat eine Unmenge Geld verschlungen. Mit diesem Geld wären wir problemlos noch am Leben", glaubt Vorstandschef Jürgen Ritter. Jetzt aber ist das Geld aufgebraucht: 5,8 Mill. DM Aktionärskapital und der Kredit der ABN Amro, die laut Vorstandschef Ritter bei 5,6 Mill. DM Stopp sagte. "Die haben uns hängen lassen", klagt Ritter. Auch die börsennotierte Beteiligungsfirma Sparta wollte kein Geld mehr nachschießen - der mutige Alleingang war gescheitert.

Der deutsche Marktführer Sport1 hat es da entschieden leichter: Die Seiten von Sat.1 "ran", DSF und Sportbild bilden seit 1999 das Joint-Venture Sport1.de. Im Fußball-Kanal Sat.1 sowie beim Deutschen Sportfernsehen wird das Angebot während der Sportsendungen zudem kräftig promotet. Ergebnis der Kirch/Springer-Allianz: Mit inzwischen mehr als 20 Millionen Seitenaufrufen (Page Impressions) pro Monat werden die Ismaninger fast zehn Mal so oft besucht wie der kleine Konkurrent Sport.de. Mit den großen Medienspielern im Rücken hat die Internetfirma zudem ganz andere finanzielle Möglichkeiten als der partnerlose Nachbar.

Sport1, so heißt es in Branchenkreisen, habe zuletzt eine Mehrheitsbeteiligung bei Sport.de in Erwägung gezogen, dann aber abgesagt. "Kontakte gibt es schon länger, doch wir denken derzeit nicht, dass wir durch eine Verschmelzung einen großen Schritt nach vorn kommen könnten", sagte Thomas Raab, Leiter Finanzen bei Sport1.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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