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Münchner Wertpapierclub: Mitarbeit erwünscht

Der Münchner Wertpapierclub setzt auf aktives Vereinsleben mit vielen Informationsveranstaltungen. Er bietet eine transparente Darstellung im Internet.

Mit seinem Großvater, Freunden und Studienkollegen hat Andreas Grünewald vor zwölf Jahren einen Investmentclub in München gegründet. Mittlerweile ist diese Anlegergemeinschaft die viertgrößte bundesweit und hat rund 2 500 Gesellschafter mit einem Anlagevermögen in Höhe von 61,5 Millionen DM.

"Wir sind der einzige große Investmentclub, der sich noch ein Clubleben erhalten hat", behauptet Geschäftsführer Grünewald. Er begründet dies unter anderem mit dem Anlageausschuss, der unabhängig regelmäßig Kauf- und Verkauf-Entscheidungen trifft, den zahlreichen Informations- und Fachveranstaltungen sowie einer kompletten Darstellung des gesamten Clublebens im Internet.

Entsprechend groß ist die Resonanz bei den jährlichen Hauptversammlungen. Im Mai 2001 kamen 650 Gesellschafter zu der Veranstaltung im Bayerischen Hof in München. Dort konnte Grünewald erleben, was sich Franz- Josef Strauß in Bayern immer erhofft hatte: eine einstimmige Wiederwahl.

Entscheidend für den Münchner Wertpapierclub (Mic) war das Jahr 1996, als die Öffnung beschlossen wurde. Nur mit einem großen Anlagevermögen lasse sich ein ausgewogenes Depot mit rund 100 verschiedenen Titeln zusammenstellen, nur mit einer großen Mitgliederzahl können namhafte Referente gewonnen werden, lautete damals die Begründung. Problematisch war zu der Zeit nur die Suche nach einer Bank. Die Dresdner Bank als Hausbank winkte zunächst ab, auch die Mitbewerber vor Ort wollten angesichts der vielen Arbeit den Club nicht aufnehmen. Bis nach einem persönlichen Gespräch die Dresdner Bank doch einwilligte.

50 Fachveranstaltungen bietet der Mic in diesem Jahr bundesweit an. Das Spektrum ist bunt gemischt: Von Börsenpsychologie über Technische Analyse bis zu Anlagestrategien reichen die Themen, über die Börsenexperten referieren. "Alle Referenten arbeiten ehrenamtlich, der Eintritt ist kostenlos", erläutert Grünewald. "Auch Nichtmitglieder können kommen." Das Gleiche gilt für eine Börsenhotline, die der Club neuerdings alle 14 Tage anbietet und bei der lediglich die üblichen Telefongebühren anfallen (089/79086351). "Allerdings sagen wir nur etwas zu Papieren, die wir auch im Fokus haben", erklärt Grünewald. Gesellschafter erhalten auf einige Börsenprodukte wie Fachliteratur, Börsenvideos und PC-Börsenlernprogramme von den jeweiligen Firmen Rabatte. ",Wir verkaufen im Gegensatz zu anderen Vereinigungen keine Klubzeitung gegen Geld", ergänzt der Geschäftsführer.

64 verschiedene Aktien und sieben Fonds sind im Gemeinschaftsdepot, das bis in jede einzelne Aktie oder Anleihe im Internet zu finden ist. Das Depot ist international breit strukturiert, aber nicht ausschließlich mit Aktien bestückt (Das Münchner Wertpapierdepot).

Nach Mic-Ansicht wird durch den Kauf von weiteren Wertpapier-Klassen wie zum Beispiel verzinslichen Wertpapieren oder Spezialfonds das Depotrisiko reduziert, ohne dass die Renditeerwartung nennenswert absinkt. Die vergangenen beiden Jahre sind für Grünewald die besten Beispiele. Im Börsen-Boomjahr 1999 wuchs das Depot trotz des Rentenanteils um 53,4 Prozent, im schwachen Jahr 2000 wurde damit das Minus auf 2,7 Prozent reduziert. Das Aktien/Renten-Verhältnis liegt im Durchschnitt bei 70 zu 30, wird aber auf Grund der Markteinschätzung erhöht oder gesenkt.

Riskante Börsentermingeschäfte oder Aktienkauf auf Kredit sind grundsätzlich ausgeschlossen. Im Depot liegen auch außerbörsliche Werte mit einem Anteil von 2,9 Prozent. Alle Transaktionen werden nicht nur vom Kontrollausschuss, sondern monatlich auch von einem Wirtschaftsprüfer unter die Lupe genommen.

Im Idealfall kostet eine Mitgliedschaft im Münchener Wertpapierclub keinen Pfennig. Denn aktive Mitarbeit wird honoriert - zum Beispiel im Anlage- oder Kontrollausschuss, als Aufsicht bei Informationsveranstaltungen, Hilfe auf dem Mic-Stand bei Anlegermessen oder beim Versenden von Mitteilungen. Auch neue Mitglieder anzuwerben hilft, die Gebühren zu senken, und zwar fünf Prozent insgesamt fünf Jahre lang. Die Mitgliedsgebühren betragen monatlich 0,1 Prozent plus Mehrwertsteuer, ab 10 000 DM gibt es gestaffelte Ermäßigungen, die in der Spitze (ab eine Million DM) 70 Prozent betragen. Die Mindesteinlagesumme beträgt 2 000 DM. Der Anlagebetrag kann jederzeit und spesenfrei zum Monatsende um eine beliebige Summe erhöht oder verringert werden. Kündigungen sind zu jedem Monatsende möglich. "Nur wenige Mitglieder zahlen den Höchstbetrag von 0,1 Prozent, weil sie entweder mitarbeiten oder mehr als 10 000 DM angelegt haben", erläutert der Geschäftsführer.

Zu einem transparenten Club gehört, dass der Anlageausschuss seine aktuellen oder mittelfristigen Transaktionen ins Internet stellt - einschließlich einer Beurteilung der Lage an den Börsen. Der Ausschuss bewertet die Kursausschläge nach oben an den Technologiebörsen Nasdaq und Neuer Markt als "vorübergehendes Intermezzo" und erwartet keine große Euphorie an den Aktienmärkten. "Wir dürfen uns von den vergangenen Jahren nicht blenden lassen", warnt Grünewald. Anleger müssten sich auch mit einem jährlichen Zuwachs von zehn oder zwölf Prozent zufrieden geben.

Der Mic-Anlageausschuss bewertet die Aussichten für Aktien mittelfristig positiv und will das Gemeinschaftsdepot mehr auf konservative Werte ausrichten. Dabei steht als Region die USA im Vordergrund. So wurden Ende Mai die deutsche Titel CE Consumer Electronic, Deutsche Bank, Linde, Siemens verkauft und dafür Münchner Rück sowie die US-Papiere Abbott Lab., Alcoa, Boeing sowie Teppco Partners gekauft.

Viele Informationen, die die Mitglieder des Anlageausschusses zum Aktienkauf oder-verkauf zu Rate ziehen, stehen nach Grünewalds Ansicht auch Kleinanlegern zur Verfügung . Der ehemalige Analyst rät, vor einem Engagement in Werte des Neuen Marktes sich nicht nur fundamentale Daten der Unternehmen anzuschauen, sondern auch einen Blick auf den Lebenslauf der Vorstandsmitglieder zu werfen.

Jürgen Röder
Jürgen Röder
Handelsblatt / Redakteur Finanzzeitung
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