Müntefering bei Verdi
Missklänge zur Balalaika

Angesichts hoher Arbeitslosigkeit, bevorstehender Erhöhung des Renteneintrittsalters und niedrigen Renten ist die Stimmung bei den Gewerkschaften äußerst angespannt. Rentenminister Müntefering wagte sich trotzdessen in die Höhle des Löwen - der Versuch einer Erklärung bei Verdi.

BERLIN. Am Ende rühren sich einige Hände sogar zum Höflichkeitsapplaus. "Vielen Dank für die Aufmerksamkeit - jedenfalls bei den allermeisten", sagt Franz Müntefering. Allzu traurig, dass er nach einer Stunde den Verdi-Kongress "Zukunft der Rente" verlassen muss, wirkt der Sozialminister nicht.

Ein Transparent "Opa, 66 Jahre, muss arbeiten. Enkel, 20 Jahre, ist arbeitslos" hat dem Redner gleich bei der Ankunft signalisiert, wie die Stimmung bei den Gewerkschaftern ist. "Die Debatte über die Rente ist anstrengender geworden", tastet sich Müntefering ans heikle Thema heran. Ausführlich doziert er über steigende Lebenserwartung und sinkende Arbeitsdauer. Er rasselt Rentenbezugszeiten und Rentnerquotienten herunter: "Wer das beiseite schiebt, handelt unverantwortlich."

Doch Münteferings Erfolgsbilanz sozialdemokratischer Rentenpolitik wird von den angegrauten Zuhörern mit offenem Hohn und Spott quittiert. Die Nachhaltigkeit der Rentenfinanzen verbessert? Lautes Lachen im Saal. Den Rentnern gehe es gar nicht so schlecht? Unruhiges Raunen. Die Grundsicherung eingeführt! "Ist ja toll", ruft einer. Stolze 78 Mrd. Euro aus der Bundeskasse! "Das müssen wir auch zahlen", schallt es zurück.

Spätestens hier wird Müntefering klar: Die Schlacht kann er nicht gewinnen. Schließlich hat Verdi-Chef Frank Bsirske den demographischen Wandel zuvor kurzerhand zur Fata Morgana erklärt und behauptet, es gebe "überhaupt keinen Grund", eine Erhöhung der Rentenbeiträge auszuschließen. Doch zu Ende bringen will der Minister sein Referat. Also spielt er die beleidigte Leberwurst: "Ja, wenn Ihr das alles schon wisst...", sagt er und: "Ich nehme an, Ihr habt mich eingeladen, damit ich die Dinge darstelle."

Das verschafft ihm etwas Ruhe für sein Argument, ein grenzenlos steigender Beitragssatz hätte ungünstige Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und den Hinweis auf die Erosion der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. "Die Gesetze hat doch die SPD gemacht!", schallt es zurück. Auch Münteferings Behauptung, die Koalition habe eine Rentenkürzung verhindert, wird nicht gedankt. "Nominal!", kontern die Funktionäre.

Dann wechselt das Rederecht offiziell. In der Fragerunde nennt es ein Mann eine "Unverschämtheit", dass Müntefering den Rentnern empfohlen habe, Balalaika zu spielen. Andere fordern die Einführung einer Wertschöpfungsabgabe und der Vermögensteuer für die Rente. Letztlich hänge die SPD "an den Marionettenschnüren der Wirtschaft", wettert eine Frau. "Das sind so Sprüche", zuckt Müntefering mit den Schultern. Niemals habe er die Senioren verhöhnt: "Wer mehr als die gesetzliche Rente haben will, der kann Lotto oder Balalaika spielen", rückt er sein unglückliches Zitat zurecht: "Ich aber empfehle den Abschluss einer Riester- oder Betriebsrente."

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