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Müssen wir die Globalisierungskritik ernst nehmen, Herr von Bohlen?

In der Tat - sie ist real. Wir müssen sie aber besser verstehen. Was nicht heißt, dass wir die gängigen Urteile der Globalisierungsgegner für richtig befinden müssen. Man muss sich zunächst über die modernen Rahmenbedingungen im klaren sein. Wir alle leben heute gewissermaßen im globalen Dorf. Der Handel ist stark liberalisiert. Die Reisezeiten sind extrem verkürzt. Ich kann also faktisch mit jedermann jederzeit kommunizieren. Und ihn zeitnah treffen, falls nötig.

Das hat zur Folge, dass praktisch jede Industrie, deren Produkte und Leistungen über den unmittelbaren lokalen Bedarf hinausgehen, sofort in einem globalen Wettbewerbsumfeld operiert. Wenn ich in Heidelberg sitze und ein gutes Produkt habe, ist es unwahrscheinlich, dass das nur die Nordbadener gut finden. Dies ist ein entscheidender Punkt: die Nachfrage nach Produkten, die global benötigt werden, findet heute auch global statt. Industrien wie die Life Sciences, aber auch viele andere Bereiche, sind damit ein Synonym geworden für "global". Dies wiederum erfordert Strukturen und Aufwendungen, die dieser globalen Situation Rechnung tragen müssen.

Die Notwendigkeit, globale Strukturen aufzubauen, muss und soll aber nicht darauf hinauslaufen, dass Menschen oder Unternehmen ihre Wurzeln verlieren. Ich glaube sogar das Gegenteil: man kann globale Strukturen nur akzeptieren und glaubwürdig leben, wenn man irgendwo eine Heimat hat. Das gilt auch für die ?Global Player' der Industrie. Das muss nicht unbedingt geografisch gemeint sein. Es kann auch eine religiöse, kulturelle oder weltanschauliche Heimat sein.

Dieser Aspekt wird meines Erachtens in der Diskussion vernachlässigt. Die meisten Globalisierungsgegner sind in meinen Augen Leute, die einfach Angst davor haben, dass ihre kulturellen und sozialen Grundlagen verloren gehen. Eine Angst, die ich grundsätzlich teilen kann. Ich glaube aber auch, dass viele Gegner selber aus entwurzelten Verhältnissen kommen und mit ihrem Protest versuchen, einen Teil ihrer eigenen Vergangenheit aufzuarbeiten, statt konstruktiv zu fragen: Wie können wir das eine tun, ohne das andere sein zu lassen? Denn die Entwicklung ist nicht aufzuhalten, und das wäre meines Erachtens auch nicht wünschenswert.

Politik vergisst emotionale Komponente

Die Politik geht mit dieser Problematik leider nicht sehr geschickt um: Sie ignoriert die emotionale Dimension und versucht, das Thema zu technisieren. Als Beispiel sei Europa genannt. Die Europäische Union wird als sehr unwirklich und bürokratisch wahrgenommen. Dabei bietet sie wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, uns in Europa kulturell, sozial und ökonomisch in Zukunft als ?major player' zu erhalten. Die damit an sich vermittelbare positive emotionale Komponente kommt in meinen Augen leider so gut wie überhaupt nicht zum Vorschein.

Man muss also dieser Problematik einen persönlichen, emotionalen Anstrich geben. Das heißt, die Politik muss anerkennen, dass es ein Nebeneinander geben muss zwischen Weltoffenheit, Toleranz und globalen Strukturen auf der einen, auf der anderen Seite einer heimatlichen und geborgenen Basis. Dann wäre die Diskussion über Globalisierung für Gegner und Zweifler glaubwürdiger. Es wäre einfacher, konstruktiver miteinander umzugehen. Und es wäre für die Menschen leichter, die sachlich-inhaltlichen Aspekte dieser uns alle betreffenden Entwicklung zielführender zu diskutieren.

Ich denke, wir stehen insgesamt vor einem kompletten, radikalen Wertewandel der Gesellschaften, Industrien, Systeme. Die modernen Kommunikations- und Reisemöglichkeiten führen zu einer viel stärkeren Durchmischung der Systeme und der Gesellschaften. Das muss aber nicht zu einem Identitätsverlust führen. Und es wird nicht notwendigerweise das Ende Deutschlands oder anderer Staaten bedeuten.

Nur müssen wir die Staaten heute viel mehr als ein zeitlich-räumliches Angebot sehen, als ein Konzept für ein klimatisch, geografisch, soziales und kulturelles System. Und ich kann für mich und meine Familie - gleichsam als Kunde - aus einer Vielfalt solcher Staatenkonzepte persönlich das passende für mich auswählen. Die Menschen werden künftig von dieser Option jedenfalls stärker Gebrauch machen als bisher. Vorreiter einer solchen Entwicklung sind etwa die modernen Völkerwanderungen oder der schmerzhafte - und noch teuer werdende - ?brain drain' Hochqualifizierter in die USA.

So gesehen muss sich die Politik in ihrem Aktionsmuster fokussieren und viel deutlicher artikulieren. Sie wird viel stärker gezwungen, auf die neuen Bedürfnisse und Möglichkeiten der Menschen in der modernen Gesellschaft einzugehen. Das ist wie mit einem Produkt: Es gilt, das beste Produkt für den Kunden vorzuhalten. In gewisser Weise ist es ja genau das, was die Politik selbst immer wieder predigt. Es ist die konsequente Weiterentwicklung dessen, was mit der Aufklärung begründet wurde. Jetzt muss die Politik aber auch so konsequent sein und sich dem Kunden - das ist der mündige und frei entscheidende Bürger - in der globalen gesellschaftlichen Dimension und Herausforderung stellen. Das fällt uns in Europa, und in Deutschland insbesondere, nicht leicht.

Friedrich von Bohlen ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der Lion Bioscience AG.

Aufgezeichnet von Siegfried Hofmann.

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