"Multikultureller Motor" im Revier
Türken beschleunigen Strukturwandel im Ruhrgebiet

Wenn er über das Revier nachdenkt, kommt Ercüment Aysever ins Schwärmen. "Das Ruhrgebiet ist gegenüber ausländischen Existenzgründern sehr offen", sagt der türkische Geschäftsführer des Generalbauunternehmens Colemus in Bochum.

ddp/vwd BOCHUM. Die von ihm gegründete Firma hat sich darauf spezialisiert, Industriebrachen wieder in Wohn- und Gewerbeflächen umzuwandeln - ein Markt, an den sich nicht jeder herantraue und der gerade im Ruhrgebiet mit seiner Vergangenheit von Kohle und Stahl vielversprechend sei. "Diese Flächen stellen für die Region ein großes Potenzial dar", sagt Aysever.

Der gelernte Bauingenieur ist einer von Tausenden ausländischen Unternehmern, die in Nordrhein-Westfalen aktiv sind und mit ihrem Wissen und ihren Firmen längst einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaftskraft des bevölkerungsreichsten Bundeslandes beisteuern. Als Zentrum der von Migrationsforschern so genannten ethnischen Wirtschaft gelten das Rhein-Ruhr-Gebiet und insbesondere die türkischen Firmen. Allein im Revier gibt es nach Schätzungen der Industrie- und Handelskammern (IHK) bis zu 4 000 Firmen türkischer Unternehmer.

Die größte ausländische Bevölkerungsgruppe

Der Grund für die Konzentration der türkischen Betriebe im Revier und die von Unternehmern wie Aysever geschätzte Offenheit der Region ist einfach: Kohle, Stahl und Verarbeitendes Gewerbe waren einstmals die klassischen Gastarbeiterbranchen, die in den 60er Jahren die meisten ausländischen Arbeitskräfte, darunter überwiegend Türken, anwarben. Die Türken stellen auch heute noch mit rund 651 000 Personen die größte ausländische Bevölkerungsgruppe in Nordrhein-Westfalen, weit vor Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien (256 000) und Italienern (146 800).

Als dann die Krise von Kohle und Stahl kam, Hüttenwerke und Zechen dicht machten und die Zahl der Beschäftigten dramatisch absank, machten sich aus der Not heraus viele Gastarbeiter selbstständig. Doch die familiengeführten Gastronomiebetriebe oder Einzelhandelsläden, die gemeinhin als Branchenschwerpunkte ausländischer Unternehmer gelten, bestimmen längst nicht mehr allein das Bild.

Differenziertes Branchenspektrum

So, wie das Ruhrgebiet seinen Strukturwandel vorantreibt und inzwischen in Sparten wie Gesundheitswesen, Informationstechnologie oder bei der Entwicklung alternativer Energien punktet, hat sich auch das Bild vom ausländischen Unternehmer gewandelt: "Das Branchenspektrum türkischer Unternehmen ist inzwischen so differenziert wie das der deutschen Betriebe", sagt Cengiz Yildirim vom Zentrum für Türkeistudien.

Mit dieser Branchendifferenzierung einhergehend sind türkische Unternehmen längst nicht nur Familienbetriebe, sondern auch Beschäftigungsmotor für die Region - mit einer wachsenden Zahl von Mitarbeitern aus Deutschland oder anderen Ländern im Team. "Diese Betriebe werden damit zu einem wichtigen Motor des Strukturwandels, weil sich die Inhaber - viele davon längst mit einem deutschen Pass - mit ihrer Stadt oder ihrem Stadtteil identifizieren und ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Restrukturierung leisten wollen", erläutert Yildirim.

Auch im Unternehmen von Ercüment Aysever arbeiten zwei Deutsche und vier Türken zusammen. Das Aufeinandertreffen verschiedener Mentalitäten sei wie ein "multikultureller Motor", sagt er. "Wir lernen aus dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Mentalitäten und können so auch mit Kunden verschiedener Herkunft kompetent umgehen."

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