Multimedia-Agenturen stecken in der Krise
Die IT-Euphorie der Analysten wurde enttäuscht

Die Börse in Stockholm galt noch vor einem Jahr als eine der interessantesten in Europa. Dank der Informationstechnologie waren Kursgewinne von 100 % keine Seltenheit. Heute ist Ernüchterung eingekehrt. Manche Aktien verloren seit März 2000 mehr als 90 %. Eine Trendwende ist noch nicht in Sicht.

STOCKHOLM. In dieser Woche feierte die Stockholmer Börse ein trauriges Jubiläum. Vor genau einem Jahr hatte sie ihren höchsten Stand erreicht. Danach begann eine Talfahrt, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Seit dem siebten März 2000 ist der Generalindex in Stockholm um 26 % gefallen, allein rund 6 % seit Beginn dieses Jahres.

Besonders betroffen waren die Titel der New Economy. Sie büßten in den vergangenen zwölf Monaten im Schnitt 75 % ihres Wertes ein. Einige der einstigen Superstars an der Börse, die Multimediaagenturen Framfab und Icon Medialab, mussten sogar Kursverluste von 98,6 % (Framfab) und 96,8 % (Icon Medialab) hinnehmen. Am stärksten wurde die im europäischen Vergleich kleine Börse aber von Kursfall beim größten Konzern des Landes betroffen. Die Ericsson-Aktien verloren rund 60 % ihres Wertes.

Der Blick zurück ist leicht. Mit Prognosen aber tun sich die meisten Analysten in der schwedischen Hauptstadt schwer - sicherlich auch, weil sie noch vor einem Jahr ihre IT-Euphorie kaum im Zaum halten konnten. "Ich befürchte, der Boden ist noch nicht erreicht", sagt Joakim Wennersson von Fischer Partners in Stockholm und nennt zwei der größten europäischen Unternehmen der Branche. "Bei Framfab sieht es richtig schlecht aus, und Icon Medialab macht auch keinen guten Eindruck." Es werde noch "eine ganze Zeit" dauern, bis ein Wendepunkt bei diesen Unternehmen zu sehen sei, sagt er. Die Kassen einiger Multimedia-Agenturen seien fast aufgebraucht. Deshalb erwartet Wennersson baldige Übernahmen und Fusionen.

Einen Lichtblick hat er aber auch entdeckt: Adcore ist ein schwedisches IT-Beratungsunternehmen, das Gewinne macht und mehrere traditionelle Konzerne zu seinen Kunden zählt. "Adcore ist nicht so sehr von den Dot.com-Gesellschaften abhängig", so Wennersson. Seiner Ansicht nach ist die schwere Krise der meisten schwedischen Multimedia-Agenturen ein "Indikator für das, was auch im übrigen Europa in diesem Jahr geschehen wird".

Auch bei Håkan Wranne, Telekom-Analyst bei Fischer Partners, will sich kein Optimismus einstellen. Er spricht von "einem verlorenen Jahr 2001" für die Börse in Stockholm. "Man möchte es ja gern glauben, dass wir den Boden erreicht haben, aber sicher bin ich mir nicht", sagt er. Der unklare Start des dritten Mobilfunkstandards UMTS, die Finanzierungsfrage und die Verschuldung einiger Telekom-Gesellschaften hätten sich seit dem vergangenem Monat nicht verändert. "Deshalb schauen wir lieber auf das Jahr 2002." Dennoch scheint sich bei einigen Anlegern vorsichtiger Optimismus einzustellen. Seit Anfang März sind die Aktien des schwedischen Telekommunikationskonzerns Ericsson und des finnischen Rivalen Nokia an der Börse in Stockholm um rund 20 % gestiegen. Mehrere Banken hatten ihren Kunden den Kauf der Papiere zum damaligen Niedrigkurs empfohlen.

Mats Nyman, Aktien-Analyst bei Handelsbanken in Stockholm, ist etwas optimistischer als seine Kollegen von Fischer Partners, was die Gesamtentwicklung in den kommenden sechs Monaten angeht. "Die ökonomischen Voraussetzungen sind eigentlich gut", sagt er und meint die Zinssenkungen in den USA und das weiterhin gute Wachstum in Europa. Er geht generell von einer Unterbewertung der Stockholmer Börse aus. Besonders die schwedische Maschinenbau-Branche mit Atlas Copco, SKF, Sandvik und Electrolux ist seiner Ansicht nach interessant. Auch im Finanzsektor mit den großen Akteuren Nordea, Handelsbanken und SEB, die vor kurzem die Fusion mit Föreningssparbanken angekündigt hat, sieht er weitere Chancen auf Kursgewinne. Die Papier- und Forstindustrie hingegen gehört nach kräftigen Kursgewinnen im Jahr 2000 nicht mehr zu seinen Favoriten.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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