Multimedia Message Service
SMS mit Bild und Ton

Spaßbilder und medizinische Ferndiagnose: Der Multimedia Message Service peppt Kurznachrichten mit Bild und Ton auf.

WiWo/HANNOVER. Wenn Oberarzt Dr. Bernhard Clasbrummel konzentriert auf das Display seines Laptops schaut, befindet er sich wahrscheinlich gerade auf Visite. Auf Tele-Visite. Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Bochumer Bergmannsheil Universitätsklinik dürfen Probanden nach einer Operation seine Klinik schon kurz nach der Operation verlassen. Neben exakten ärztlichen Anweisungen und einer technischen Einweisung bekommen sie eine digitale Fotokamera und einen transportablen Computer mit Anbindung ans Handynetz mit nach Hause. Mit der Digitalkamera fotografiert der Genesende täglich die Operationswunde und sendet die Aufnahmen über das GSM-Mobilfunkterminal an den behandelnden Mediziner. Darüber hinaus können Arzt und Patient dank der technischen Ausrüstung schriftlich und telefonisch kommunizieren. Die schnelle Heimkehr in die gewohnte Umgebung soll nicht nur das Wohlbefinden der Patienten fördern. Die Experimentierfreude der fortschrittlichen Bochumer Mediziner ist vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht sinnvoll, denn die Verkürzung der Liegedauer spart Pflegekosten, verringert die Wartezeiten für bestimmte Eingriffe und hilft so, die medizinischen Ressourcen einer Klinik optimal zu nutzen. Wenn im Sommer die deutschen Mobilfunkbetreiber den so genannten Multimedia Message Service (MMS) starten, werden garantiert nicht nur Bilder von Operationsnarben durch die Netze geschickt. Schon heute zeichnet sich ab, dass der Versand von Abbildungen spärlich bekleideter Damen ein Renner werden könnte - auch wenn die Fotos noch ziemlich unscharf sind. MMS hebt nicht nur das Limit der auf 160 Zeichen pro Botschaft begrenzten SMS-Textnachrichten auf, sondern ermöglicht es auch, die versendeten Texte neben Bild- mit Audio- oder Videodateien zu versehen. Damit soll der funkgestützte Bildversand an den Erfolg von SMS anknüpfen und die Kassen der Netzbetreiber und Gerätehersteller klingeln lassen. In deren Geschäftsmodellen spielt MMS aber nicht nur die Rolle als zusätzlicher Umsatzlieferant: Der komfortable Dienst soll den Mobilfunkkunden überdies schon jetzt die Möglichkeiten der kommenden Mobilfunkgeneration UMTS demonstrieren. Bei japanischen Mobilfunknutzern gehört der Bildergruß von Handy zu Handy schon zum Alltag: Mit den integrierten Digitalkameras von Mobiltelefonen wie dem SCH-V200 von Samsung oder dem UMTS-Handy Foma P2101V von NTT Docomo schießen sie Fotos und schicken sie nach einem prüfenden Blick auf das Farbdisplay über das japanische WAP-Pendant i-Mode oder per UMTS an Freunde oder Geschäftspartner. Die Marktzahlen belegen, dass das Angebot keinesfalls ein Nischenprodukt ist: Bis zum Ende des vergangenen Jahres wurden in Japan bereits über drei Millionen Handys mit integrierter Digitalkamera verkauft. Umfragen lassen auch bei uns einen regen Austausch von Bildern übers Funknetz erwarten. Eine internationale Studie von Morpace International fand heraus, dass 80 Prozent der Befragten bereit sind, mindestens einmal wöchentlich Bild- und Videonachrichten zu übermitteln - unter dem Vorbehalt hoher Übertragungsraten und guter Bildqualität. Besonderen Wert legten die Befragten darauf, selbst produzierte Bilder versenden zu können. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam das von Nokia beauftragte englische Marktforschungsinstitut HPI Research Group nach der Befragung von 12000 Nutzern in den wichtigsten GSM-Märkten. Sie wollten von ihren Interviewpartnern wissen, welche Funktionen ihnen bei einem zukünftigen Handy besonders wichtig seien. Ergebnis: Bereits an zweiter Stelle der Wunschliste, gleich hinter SMS-Kurznachrichten, stand das Interesse am Foto. 43 Prozent der Befragten wollten ihr Mobiltelefon auch als Kamera einsetzen und eigene Fotos übers Netz schicken. "Die Entwicklung von reinen Text- hin zu Multimedianachrichten ist vergleichbar mit dem Übergang vom Radio zum Fernsehen", so der gewagte Vergleich von Nokia-Chef Jorma Ollila - der angesichts seines eigenen Interesses aber eher wie ein flehender Seufzer daherkommt. Immerhin belässt es Ollila nicht nur bei schönen Floskeln. Mit neuen Produkten trägt Nokia als erster europäischer Anbieter dem Konsumentenwunsch nach einer Kombilösung aus Mobiltelefon und Kamera Rechnung. Das Handy 7650 soll mit einer im Gehäuse integrierten Digitalkamera den Eintritt in die bebilderte Kommunikationswelt erleichtern. Der interne Speicher des Gerätes fasst bis zu 200 Aufnahmen, und das farbige Display fungiert als Sucher und Wiedergabebildschirm. Noch ist der Marktführer mit seinem Kamerahandy in Europa allein auf weiter Flur; doch Samsung, Sanyo und Panasonic haben bereits Konkurrenzmodelle angekündigt. Schon erhältlich ist eine einfache Alternative zur integrierten Kamera: Die MCA-20 von SonyEricsson ist eine 22 Gramm leichte Digitalkamera, die sich auf das T68 und alle übrigen mit Modem ausgestatteten Handys des Gemeinschaftsunternehmens aufstecken lässt. Erfahrungen mit Multimediahandys im asiatischen Markt und sein Know-how bei Digitalkameras brachte Sanyo in die Entwicklung seines ersten UMTS-Handys ein, das auf der Cebit zu sehen ist. "Videoübertragung und Bildtelefonie tauchen bei Kundenbefragungen immer an erster Stelle auf", sagt Marketingmanager Stefan Kohl. "In Asien haben uns im vergangenen Jahr gerade die Multimediahandys Marktanteile gebracht." Wegen des großen Interesses an Bewegtbildern ist ein Nachfolgemodell mit zwei Videokameras in Planung. Eine Kamera soll über dem Handybildschirm angebracht werden und den Teilnehmer bei der Telefonkonferenz oder dem Fernflirt filmen. Mit der zweiten auf der Rückseite des Gerätes kann man Videoclips aufzeichnen; der Bildschirm dient als Sucher. Um für den künftigen Markt der mobilen Bildübertragung gerüstet zu sein, schließen sich überdies immer mehr Unternehmen zu Allianzen zusammen. So arbeiten beispielsweise Canon und SonyEricsson an gemeinsamen Konzepten, Fujifilm verbündete sich mit Nokia, und Kodak fand in Siemens einen Partner. Bei den meisten steht allerdings die drahtlose Übermittlung von Bilddateien von der Kamera aufs Handy mithilfe des neuen Datenübertragungsstandards Bluetooth im Vordergrund. Weil jedoch vor allem die Kamerahersteller noch zögern, den Kurzstreckenfunk in ihre Produkte zu integrieren, lassen konkrete Produktankündigungen noch auf sich warten. Mit der Bildernachricht auf dem Handydisplay sind die Möglichkeiten von MMS längst noch nicht ausgeschöpft. Wenn nach dem Start von UMTS Übertragungsraten von bis zu 384 Kilobit pro Sekunde möglich sind und sich via MMS beliebig große Dateien in kurzer Zeit versenden lassen, können Digitalfotografen hochauflösende Fotos ins Mobilfunknetz schicken. Spätestens dann ist die Zeit reif für weitere Anwendungen rund ums mobile digitale Bild: Dienstleister, Netzbetreiber und Hersteller von Kameras und Handys werden ihren Kunden Speicherplatz für die empfangenen und fotografierten Aufnahmen zur Verfügung stellen - und zu guter Letzt auf Bestellung sogar ganz altmodische Abzüge auf Fotopapier fürs Fotoalbum liefern. Registrierten Nutzern des Kamerahandys 7650 bietet Nokia schon heute Speicherplatz im Internet zur Ablage der Fotos an. Neben privaten Fotonachrichten werden dann auch bebilderte Informationsdienste an Bedeutung gewinnen. Statt einer Restaurantempfehlung per SMS erhält der hungrige Geschäftsreisende bald womöglich eine Multimedianachricht mit Adressangabe und Foto des nächstgelegenen Restaurants aufs Handydisplay. Und zum Kinoprogramm kann man sich gleich ein Video mit dem Vorfilm dazu bestellen. Glaubt man den Versprechungen von Herstellern und Netzbetreibern, wird der Multimedia Message Service vieles in unserem Leben angenehmer machen - bis auf eins: Zur Behandlung bei Dr. Clasbrummel und seinen Kollegen müssen die Patienten auch in Zukunft persönlich erscheinen.

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