Multimediale Armbanduhren
Welt am Handgelenk

Zeitmessung war gestern: Es gibt nur wenig, was Armbanduhrcomputer nicht können. Ob GPS-Navigator, MP3-Audio-Player oder PDA - auf Uhren findet heutzutage High-Tech statt.

WiWo/HANNOVER. Fotogen und ein bisschen eitel war Anita Hüsch immer schon. Deshalb konnte es die Kölner Medizinstudentin kaum abwarten, sich mit ihrer neuen Kameraarmbanduhr samt Freund und Katze abzulichten und auf ihrer Web-Site zu präsentieren.

Digitalfotos, aus der Uhr geschossen, sind erst der Auftakt zur mobilen Welt am Handgelenk, denn die neuesten Armbanduhren können viel mehr: Sie steuern Stereoanlage und Heimkino, zeigen Luftdruck an, messen Puls und Blutdruck, liefern Börsenkurse oder Wetterberichte aus dem Web. Seit Seiko 1982 als erster und einziger Anbieter seinen Minifernseher am Handgelenk vorstellte, haben sich die Chronometer zu Alleskönnern weiterentwickelt.

Im Frühjahr will Seiko den Preisträger der Consumer Electronics Show in Las Vegas, seinen Wrist Companion, auf den Markt bringen: eine intelligente Armbanduhr mit WAP-Browser, deren Träger via Bluetooth über sein Handy im Internet surfen und E-Mails am Handgelenk lesen kann. Konkurrent Samsung hat gleich das Handy in die Uhr eingebaut. Sein Watch-Phone ist das weltkleinste Handy.

Bleibt abzuwarten, ob die neuen Armbanduhren mehr als Spielereien werden. Ken Dulaney, Marktforscher der Gartner Group sieht zahlreiche Uhrenhersteller auf den High-Tech-Zug aufspringen, aber einen Massenmarkt für die kuriosen Zeitmesser sieht er nicht: "Menschen wählen eine Armbanduhr doch eher nach Stil und Design aus, als nach ihrer Funktionalität," sagt Dulaney. Er vermutet, dass die Käufer anstelle von Uhren mit Zwergendisplay und Liliput-tastatur andere Geräte als Kleinst-PCs bevorzugen: "Wenn es künftig einen Trend zu am Körper getragenen Rechnern gibt, dann bestimmt nicht in Form von Armbanduhren", ist der Analyst überzeugt.

Dessen ungeachtet hat Marktführer Casio ein ganzes Spektrum smarter Uhren im Programm: die 500 Dollar teure Satellite-Navi 2 weist dem orientierungslosen Stadtindianer per GPS den Weg. Daheim hilft ihm das 75 Euro teure Modell Wrist Remote Watch beim Zappen vor der Glotze oder beim Bedienen von Hi-Fi-Anlage, Raumbeleuchtung und Camcorder "aus dem Handgelenk". Laut Casio-Marketier Andrew Ziegler hat der Hersteller in den letzten beiden Jahren sein Angebot an multifunktionalen Elektronikuhren vervielfacht.

Die französische Firma Xelia will zusammen mit France Télécom eine Armbanduhr für drei- bis sechsjährige Kinder vermarkten. Das Zifferblatt trägt Symbole, die den Kleinen die Frühstückszeit anzeigen und an den Schulbeginn oder das regelmäßige Zähneputzen erinnern. Das bunte High-Tech-Spielzeug soll zugleich als TV-Fernbedienung funktionieren und Signale an das Mobiltelefon der Eltern senden, falls sich der Knirps verläuft. Dazu muss er nur auf ein bekanntes Gesicht auf dem Zifferblatt drücken, schon wird ein Bild oder eine Sprachbotschaft an die Uhr der Eltern übertragen. Bis zu drei Millionen Exemplare plant Xelia bis Ende 2002 zu verkaufen. Das anfängliche Nutzerpotenzial schätzt das Unternehmen auf 18 Millionen Kinder, die über ihre Uhren mit viermal so vielen Erwachsenen in Kontakt stehen könnten.

Buntem, kindgerechtem Design steht mit der Wrist-PDA-Uhr von Fossil ein Anflug von Eleganz gegenüber. Für das 145 Dollar teure Gerät benötigt man allerdings noch einen Handheld aus der Palm-Serie, zu dem die Daten vom Handgelenk per Infrarotschnittstelle übertragen werden. So empfängt der Wrist-PDA Adressen, Termine und Aufgaben - 1100 Kontakte, 800 Termine, 5000 Aufgaben sowie 350 Memos passen in den Zeitzwerg. Alle Verabredungen und Termine lassen sich am Handgelenk tragen, digitale Visitenkarten im Palm-Standard kann die Uhr ebenfalls austauschen.

Marktkenner sind unschlüssig, ob sich mit solcherlei noch reichlich klobigem High-Tech-Gerät eine Scheibe vom PDA-Geschäft abschneiden lässt. "Der Markt braucht keine weiteren Spielzeuge zum Herumtragen,"sagt Roberta Cozza, Marktforscherin bei Gartner. Technikdesignerin Margaret Valdez vom Modehaus Ralph Lauren ist optimistischer: "Ich glaube nicht, dass die Größe ein K.O.-Kriterium ist, wenn die Uhren cool, bunt und trendy aussehen."

Und die Praxis? Der amerikanische Technikhändler Brookstone aus Rochester hat festgestellt, dass seine Kunden weiterhin konventionelle Modelle bevorzugen. "Die meisten Leute wollen keine dicke Bedienungsanleitung studieren", sagt die stellvertretende Brookstone-Geschäftsführerin Anissa Palmisano und hält dabei Daumen und Zeigefinger in Bibelstärke auseinander. "Viele sind glücklich, wenn sie Zeit und Datum einstellen können. Die heutige Technik entwickelt sich für viele einfach zu rasant."

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