Murdoch hat die besseren Karten
Ein Visionär hat sich verhoben

Leo Kirch steht vor einer Premiere. Der konservativ-katholische Medienmogul hatte mit dem gleichnamigen Pay-TV-Sender zum ersten Mal eine falsche Vision für die Zukunft des deutschen Mediengeschäfts. Dies könnte ihn nun sogar sein gesamtes Imperium kosten.

Die Geschichte des Leo Kirch war zunächst von beispiellosem Erfolg gekennzeichnet. Bereits als Assistent an der Universität München befasste sich Kirch mit den elektronischen Medien und sah schon Anfang der 50er Jahre einen immensen Bedarf des Fernsehens an Spielfilmen, Serien und Unterhaltungsendungen voraus. Daraufhin gründete er 1955 seine erste Firma zur Verwertung von Filmrechten, die Sirius GmbH, -Film und kaufte zielstrebig in allen europäischen Ländern fernsehtaugliche Kinofilme auf. Als bei ARD und ZDF der Bedarf stieg, hatte Kirch schon ein lukratives Angebot parat. 1996 umfasste sein Programmvermögen rund 15 000 Spielfilme und 50 000 Stunden TV-Serien, Kinderprogramme, Dokumentationen, Konzerte und Shows.

Kirch investierte weiter in die Zukunft. Er kaufte immer mehr Filmpakete aus Hollywood und sicherte sich beispielsweise 1996 auch die Pay-TV- und Pay-per-View-Rechte für alle neuen Disney-Filme für die nächsten zehn Jahre. Weitere Einkäufe, wie die Vermarktungsrechte der Fußballweltmeisterschaften oder die Fernsehrechte an Michael Jackson`s "History"-Tour 1997 kamen hinzu. Der Medienunternehmer fokussierte seinen Rechtehandel immer mehr darauf, mit einem eigenen Pay-TV-Sender seine Inhalten noch teurer zu verkaufen.

Entwicklung falsch eingeschätzt

Doch an diesem Punkt scheinen seine bis dato beinahe hellseherischen Fähigkeiten im Bezug auf die Entwicklung der deutschen Medienlandschaft ein Ende zu haben.

Kirchs Ziel, mit der Übertragung von Weltmeisterschaftsspielen der deutschen Fußballnationalmannschaft im Pay-TV kräftig abzukassieren, scheiterte 1998 am öffentlichen Druck.

Im November 1997 fiel der Startschuss für das digitale Pay-TV-Angebot DF1, was bereits wenig später mit Premiere fusionierte. Aus Wettbewerbsgründen lehnte die EU jedoch den Zusammenschluss, trotz einer persönlichen Fürsprache des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, Ende Mai 1998 ab.

Trotz erfolgreicher Beteiligungen im Print- und Privatfernsehbereich führte die Niederlage im Pay-TV-Sektor zu finanziellen Engpässen in Kirchs Imperium. Ein Großkredit der Deutschen Bank rettete Kirch durch diesen Liquiditätsengpass. Die anschließenden Bemühungen, Premiere mit dem Bertelsmann-Konzern zu betreiben, scheiterten an den deutschen Kartellwächtern.

Medienroulette: Kirch setzt alles auf Pay-TV

Dennoch wuchs das Imperium mit Hilfe potenter Partner, dem Verkauf von Beteiligungen und den Erlösen aus dem Rechtehandel weiter. Und Kirch glaubt weiterhin an seinen Verlustbringer Premiere. Er riskiert dafür sogar sein ganzes Imperium, indem er mit Rupert Murdoch einen international aufgestellten Medienunternehmer mit 22 Prozent beteiligte. Kirchs gefährlicher Deal mit dem Australier: Er verpflichtete sich, bis zum 1. Oktober des kommenden Jahres alle Schulden inklusive Zinsen zurückzuzahlen, wenn Premiere nicht mindestens 3,5 Millionen Abonennten hat. Bislang bringt es der Sender aber gerade mal auf 2,3 Millionen zahlende Kunden. Sollte Murdoch auf der Auszahlung bestehen, droht der gesamten Kirch-Gruppe der Kollaps.

Und da Murdoch bereits mit seinem Engagement bei den Fernsehsenderzwergen Vox und TM3 (heute Neun Live) festgestellt hat, dass neben Leo Kirch kein Platz auf dem deutschen Fernsehmarkt ist, wird seine Expansion in Deutschland wohl eher ohne Kirch über die Bühne gehen. Gegen eine Übernahme der Schulden durch Murdoch bei deutschen Banken konnte Kirch sich mit seinen Verbindungen bislang erfolgreich zur Wehr setzen. Doch über zehn Milliarden Verbindlichkeiten können im nächsten Jahr selbst über das lukrative Fußballrechtegeschäft nicht nachhaltig abgebaut werden.

CSU-treuer Kirch muss Schröder um Hilfe bitten

Das Jahr 2002 bringt für Kirch endgültig die Entscheidung über den Erfolg seiner Vision "Pay-TV" und damit auch über die Zukunft seines Imperiums. Eines steht dabei bereits fest: Ohne die Vision wäre dem Münchner viel erspart geblieben. Zuletzt musste der CSU-treue Kirch sogar bei Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vorstellig werden. Denn Liberty-Media-Chef John Malone, Mitglied des Murdoch-Clans, will mit 60 Prozent den Fuß in die Tür des deutschen Kabelnetzes bekommen. Das Kartellamt muss aber noch zustimmen.



Schreiben Sie dem Autor: j.katemann@vhb.de

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