Murdoch und Kirch
Analyse: Der Hai kommt zurück

Europafeindliches Gedankengut, rücksichtsloses Gewinnstreben, eingeschränkte Pressefreiheit - Rupert Murdoch steht für all das, was in deutschen Medien vehement bekämpft wird. Und was noch schlimmer ist: Der Erfolg gibt ihm Recht.

Vorübergehend schien es so, also könnte eine deutsche Behörde den ausländischen Medienmoguln die Nase vor deutschen Wohnzimmertüren zuschlagen. John Malones Liberty Media scheiterte beim geplanten Kauf der Telekom-Kabelnetze am Bundeskartellamt, Konkurrenz und Politik atmeten durch. Allzu gefährlich konnte das Ausland nicht werden, wenn es vor deutscher Bürokratie im ersten Anlauf kapitulierte.

Schlupfloch Kirch

Doch es war nicht der erste Anlauf - und wie sich jetzt zeigt - auch nicht der letzte. Denn nun kommt der "Hai" zurück: Rupert Murdoch, Besitzer der News Corporation, König des globalen Satellitenfernsehens, der mit seinen Engagements in Deutschland - Stichwort Frauensender TM3 und Beteiligung an Vox - bisher stets gescheitert war. Beide Projekte verliefen erfolglos, Murdoch ließ sie nach einigen Jahren fallen. Doch nun könnte er mit der Übernahme des operativen Geschäfts der KirchGruppe schneller und tiefer in der deutschen Medienlandschaft Fuß fassen, als seine Gegner es je befürchtet hatten.

Eine Rückkaufoption für die 22-prozentige Beteiligung an Kirchs erfolglosem Bezahlfernsehen Premiere verschafft Murdoch vermutlich den angestrebten Brückenkopf im deutschen Fernsehen. Denn vom zahlungsunfähigen Münchner verlangt Murdoch statt Geld jetzt Macht. Will heißen: Die Leitung der Kirch Gruppe und damit die Kontrolle über Sender wie Pro Sieben, Sat1 und Kabel1.

Dabei sind Murdochs Medien-Coups bereits Legende. Doch was macht den gebürtigen Australier, der für seine geschäftlichen Ziele dreimal die Staatsbürgerschaft wechselte, in den Augen seiner Gegner so gefährlich?

Alles für den freien Markt

Der schlechte Ruf eilt ihm aus England voraus. 40 Prozent des Zeitungsmarktes und das gesamte Satellitenfernsehen beherrscht dort Murdoch - und mischt sich damit kräftig in die Politik des Landes ein. Gegen ihn Wahlen zu gewinnen, gilt als unmöglich. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Tony Blair das Massenblatt "Sun" 1997 nur durch einen Pakt mit Murdoch auf seine Seite ziehen konnte. Viele vermuten, dass Blairs zögernde Euro-Politik noch heute davon beeinflusst wird.

Denn als Freimärktler und Rechtspopulist ist Murdoch nichts so verhasst wie eine überregulierte Europäische Union. Womit ihm deutsche Strukturen wohl genauso suspekt sein dürften. Denn hier herrscht ein System, in dem Staat und Wirtschaft eng verzahnt sind und der Interessensausgleich zum Tagesgeschäft gehört. Doch eine Zusammenarbeit wie zwischen Helmut Kohl und Leo Kirch wäre mit ihm nicht zu machen.

Retter des deutschen Medienmarktes?

Angesichts der Schwierigkeiten, in die sich die KirchGruppe wegen genau dieser Kungeleien manövrieren konnte, könnte Murdoch für das deutsche Mediengeschäft im Moment genau der Richtige sein.

Nicht nur sein geschäftliches Talent - immerhin gehört ihm mit BskyB der einzige erfolgreiche Pay-TV Sender Europas - spricht für ihn. Seine Einstellung zu Globalisierung und technologischem Fortschritt könnte auch dem deutschen Reformstau gut tun. Zum Beispiel bei der geplanten Digitalisierung des Fernsehens: In England ging Murdoch deswegen an die eigene finanzielle Schmerzgrenze.

Fragt sich also, was am Ende überwiegt: Die Angst von Politikern und Konkurrenz vor dem Einfluss eines unberechenbaren Volkstribuns - oder die Notwendigkeit, mehr geschäftlichen Spürsinn in den deutschen Medienmarkt zu bringen.

"Ich will die Welt als einen besseren Ort zurücklassen", erklärte Murdoch einst sein Lebensziel. Und es wird immer unwahrscheinlicher, dass Deutschland als weißer Fleck auf dieser Weltkarte zurückbleiben wird.

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