Murdoch will Einfluss bei Kirch gewinnen
Kirch ringt um Verlängerung seiner Kredite

Leo Kirch steht mit dem Rücken an der Wand. Medienzar Rupert Murdoch versucht, den hoch verschuldeten Münchener Konzern in Bedrängnis zu bringen, indem er die Kreditwürdigkeit Kirchs erschüttert. Branchenkenner spekulieren, dass Murdoch selbst bei Deutschlands zweitgrößtem Medienhaus einsteigen will.

HB DÜSSELDORF. Der finanziell angeschlagene Medienkonzern von Leo Kirch kommt immer stärker unter Druck. Der 75-jährige Filmrechtehändler und Senderbesitzer kämpft verzweifelt darum, demnächst auslaufende Kredite zu verlängern. Noch vor Weihnachten wird der erste Kredit fällig. Er kommt von der Dresdner Bank. Wie es aus Finanzkreisen heißt, will das Institut auf Rückzahlung drängen. Weitere Kredite im dreistelligen Millionenbereich werden im Januar und im April fällig.

Für Kirch, dessen Kirch-Media-Gruppe allein mit mehr als 2,2 Mrd. Euro in der Kreide steht, ist die Verlängerung der Kredite überlebenswichtig, da ihm die Konkurrenz im Nacken sitzt. Wie am Wochenende bekannt wurde, versucht der australisch-amerikanische Medienmogul Rupert Murdoch, diese Situation zu nutzen, um bei Kirch maßgeblichen Einfluss zu gewinnen. Ob sich Murdoch für die gesamte Gruppe oder nur für Teile interessiert, ist noch offen. Brancheninsider spekulieren, dass Murdoch Kredite von den Banken abkaufen könnte. Dies ist den Verträgen nach offenbar möglich. Es sei aber auch denkbar, dass sich die Institute direkt an der Kirch-Holding beteiligen.

Der Kirch-Gruppe werden derzeit von Analysten wenig Chancen eingeräumt, sich schnell aus eigener Kraft aus der chronischen Finanznot zu befreien. "Bei werbefinanzierten Medienunternehmen ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt", sagte Medienanalyst Stefan Weiss von der Düsseldorfer WestLB. Erst vor wenigen Wochen hatte Kirchs TV-Konzern Pro Sieben Sat 1 Media vor sinkenden Werbeeinnahmen im kommenden Jahr gewarnt. Analysten gehen davon aus, dass die Pro Sieben Sat 1 Media 2001 nur noch die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr verdient. Das wären dann nur noch rund 100 Mill. Euro vor Steuern - viel zu wenig Geld, um die Milliardenschulden zu tilgen.

In Münchener Bankenkreisen hieß es gestern, die Bedrohung für Kirch sei "ernst" und die Lage "äußerst undurchsichtig". Murdoch könne freilich kein Interesse daran haben, die Kirch-Gruppe kaputtzumachen. Die Stabilität des Unternehmens sei für den deutschen Medienmarkt zu wichtig, hieß es. Zu den größten Kreditgebern von Kirch gehören die halbstaatliche Bayerische Landesbank, die Hypo-Vereinsbank sowie JP Morgan Chase. Darüber hinaus sind fast alle anderen großen deutschen Bankhäuser engagiert.

"Wir haben keine Kenntnisse über Kreditkürzungen", betonte eine Sprecherin der Hypo-vereinsbank. Für eine weitere Beurteilung sei es noch zu früh. Die Landesbank lehnte jeden Kommentar ab. In Münchener Bankenkreisen war zu hören, dass US-Banken eine entscheidende Rolle spielen könnten. Ein Kirch-Sprecher wollte sich gestern zu den Spekulationen nicht äußern. Das Münchener Unternehmen ließ auch offen, wie mögliche Abwehrpläne aussehen könnten. Offenbar versucht das Medienhaus momentan verzweifelt, seine Hausbanken zu überzeugen, das Lager nicht zu wechseln. "Ich glaube nicht, dass Murdochs Strategie gegen Kirch klappt", erklärte Medienexperte Marc Röhder von HSBC Trinkaus & Burckhardt.

In London sehen Branchenexperten den deutschen Mediengiganten vor riesigen Problemen, zumal Murdoch von Kirch verlangen kann, dass ihm der Deutsche seine Premiere-Anteile im kommenden Jahr abkauft. "Ich glaube nicht, dass die Situation bis zum Sommer besser wird", sagt ein Analyst. Nigel Kennedy von UBS Warburg würde dagegen ebenfalls ein aggressives Vorgehen Murdochs nicht überraschen. Allerdings weist er auf die Risiken hin. "Premieres Schwierigkeiten sind keine Kirch-Probleme, sondern Probleme des deutschen Bezahlfernsehens", sagt Kennedy.

Im äußerst schwierigen Umfeld für Medienunternehmen hält Konzern-Vize Dieter Hahn an den Plänen fest, Pro Sieben Sat1 mit der Muttergesellschaft Kirch-Media zu verschmelzen. Die Finanzmärkte reagierten auf diese Pläne bislang negativ. Viele Analysten empfehlen, die Pro-Sieben-Aktie zu verkaufen. Die WGZ-Bank zum Beispiel hat die Aktie als "Underperformer" bestätigt. Ob durch die Börsenpläne von Pro Sieben und Kirch-Media die erhofften Milliarden in die leeren Kassen fließen werden, ist also ungewiss.

Kirch-Freunde verweisen in diesen harten Zeiten gerne darauf, dass der 75-jährige "Filmhändler" noch immer einen Ausweg aus einer scheinbar ausweglosen Situation gefunden hat. Mit dem Hinweis auf das ungeheuere Wachstum der Fernsehbranche brachte Leo Kirch einst seine Kritiker zum Schweigen. Doch diese Zeiten sind mit dem Werbe-Horrorjahr 2001 vorerst vorüber. "Man sieht noch keinen Lichtschimmer am Werbemarkt", bilanziert WestLB-Medienexperte Weiss.

Brancheninsider halten es für möglich, dass bereits in dieser Woche Entscheidungen fallen. So sei nicht ausgeschlossen, dass sich ein anderer Medienkonzern - wie etwa Murdochs News Corporation - bei Kirch beteiligt.

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