Archiv
Museum in Dresden widmet sich dem PlattenbauDPA-Datum: 2004-07-08 17:04:14

Dresden (dpa) - Knapp 15 Jahre nach dem Fall der Mauer kommen die Plattenbauten der DDR zu musealen Ehren. In einem von Hochhäusern dominierten Dresdner Stadtteil wird am Samstag das erste Museum für die größte Errungenschaft des sozialistischen Wohnungsbaus eröffnet. Ein «Lichtkunstwerk» soll die Premiere erhellen. Der irische Künstler Ruairí OBrien hat seine Schöpfung «schwarzrotgold01» genannt.

Dresden (dpa) - Knapp 15 Jahre nach dem Fall der Mauer kommen die Plattenbauten der DDR zu musealen Ehren. In einem von Hochhäusern dominierten Dresdner Stadtteil wird am Samstag das erste Museum für die größte Errungenschaft des sozialistischen Wohnungsbaus eröffnet. Ein «Lichtkunstwerk» soll die Premiere erhellen. Der irische Künstler Ruairí OBrien hat seine Schöpfung «schwarzrotgold01» genannt.

Werner Ehrlich, der Erfinder des Plattenmuseums, sieht das Projekt etwas schlichter. Sieben Jahre hat es von der ersten Idee bis zur Realisierung gedauert - weit länger als die Entstehungszeit einer «Platte» im real existierenden Wohnungsbau. «Am Anfang bin ich belächelt worden. Es gab auch böse Stimmen. Doch jetzt herrscht Neugier und Sympathie vor», erzählt der 56-Jährige.

Auch die Einstellung zum Leben im Plattenbau hat sich geändert. Früher wurden die Wohnungen als «Arbeiterschließfächer» oder «Wohnklo mit Kochnische» verspottet. Dem Dichter Volker Braun wird die Äußerung von der «Fickzelle mit Warmwasseranschluss» unterstellt. Doch die «Platte» - zumindest in sanierter Form - scheint heute besser als ihr einstiges Image.

«In den Häusern von Dresden-Johannstadt gibt es nur 4 Prozent Leerstand», sagt Ehrlich und verweist auf die Vorzüge: moderate Kosten, gute Grundrisse und im Fall von Johannstadt auch die günstige Lage nahe der Elbe und des Zentrums. Viele Neubaugebiete in Ostdeutschland führten aber am Stadtrand ein Schattendasein. Heute bleiben dort abends viele Fenster dunkel. Nach Schätzungen stehen rund 300 000 Wohnungen leer.

Männer wie Ehrlich sind der «Platte» wohlgesonnen. «Das ist keine Ideologie, das ist Technologie», sagt der Dresdner, der sich gern Kulturarbeiter nennt. Vor ein paar Jahren war er vom damaligen Dresdner Kulturdezernenten nach Johannstadt entsandt worden, um die «Schlafstadt» zu wecken. Die Industriebrache eines Plattenwerkes schien Ehrlich der rechte Ort.

Künftig sind dort auf einer Fläche von etwa 1500 Quadratmetern Zeugnisse der Plattenbaukunst zu bewundern. Im ehemaligen Pförtnerhäuschen des Werkes will Ehrlich einen Informationsstand einrichten. Dort sollen Interessenten irgendwann einmal ihre persönliche Betonplatte produzieren können - «so, wie in der Backstube Oma die Plätzchen gebacken hat», sagt der Museumsgründer.

Architekt OBrien, der das Konzept für das Museums schuf, drückt sich opulenter aus, als die Schlichtheit der Exponate vermuten lässt: «Nicht um (n)ostalgische Verklärung der Platte geht es hier, vielmehr um Entwicklungsprozesse, um die Analyse, das Zerlegen und Sichtbarmachen durch Neuzusammensetzen architektonischer Elemente, um das genaue Beschauen der Welt im Großen...», schreibt er hochtrabend.

Werner Ehrlich möchte emotionslos über die Geschichte der Platte berichten: «Das ist ja eigentlich eine Bauhaus-Idee». Der Plattenbau ist keine Erfindung der Ostdeutschen. Schon in den 30er Jahren wurde in Frankreich «in Platte» gebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah sich der Osten Deutschlands mit seinen Zerstörungen zum schnellen Handeln veranlasst. «Anders wäre die Wohnungsnot gar nicht zu lindern gewesen», ist sich Ehrlich sicher. Als Zusatz für die in Stahlrahmen gegossenen Betonplatten wurden gemahlene Trümmersteine aus zerstörten Städten wie Dresden und Magdeburg genutzt. 1948 gab es in Ostberlin die ersten Testbauten. Ab Mitte der 50er Jahre entstanden in Hoyerswerda und anderswo in großem Stil Plattenhäuser.

Je nach Typ trugen sie Kürzel wie «WBS 70» (Wohnbauserie 70) oder WHH 15 (Wohnhochhaus 15). In Berlin gab es Häuser mit 21 Etagen, in Dresden wurde nur bis zum 17. Stockwerk gebaut. Die Ein- bis Fünf- Raum-Wohnungen waren begehrt und erschwinglich. Eine 80 Quadratmeter große Behausung kostete etwa 70 Ost-Mark. Die Mieter kamen aus allen sozialen Schichten. Der Nachbar der Klofrau konnte Professor sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%