Musik der dritten Dimension
Detmolder Tüftler hofft auf Durchbruch für seine Raumklang-Technik

Ein deutscher Tüftler hat mit der Höheninformation die dritte Dimension in der Musikaufnahme eingeführt. Mit der Audio-DVD und neuen High-End-Verstärkern hofft er jetzt, aus der Nische des Exoten herauszukommen.

DÜSSELDORF/CANNES. Der experimentierfreudige Freund der klassischen Musik greift derzeit wieder in die Bastelkiste. Denn für eine der spektakulärsten Entwicklungen in der Musikaufnahmetechnik der letzten Zeit gibt es bis heute praktisch noch keine fertigen Abspielgeräte. Das wird sich erst mit der aufkommenden Generation der modernen 7.1-Verstärker und DVD-Audiospielern der neuesten Generation ändern.

Gemeint ist die so genannte "2+2+2"-Aufnahme- und-Wiedergabetechnik, die der deutsche Tonmeister und Klassikproduzent Werner Dabringhaus aus Detmold 2001 erstmals präsentiert und die seitdem viel Beachtung und Anerkennung, aber kaum Verbreitung gefunden hat. Dabringhaus hat die beim Speichermedium DVD vorhandenen Tonkanäle neu aufgeteilt und damit die dritte Dimension in den Raumklang eingeführt, die Höheninformation. Der Hörer kann die Schallquelle nicht nur nach links und rechts oder vorne und hinten orten, sondern auch in der Höhe. Die Kirchenorgel ist beim Konzert im Wohnzimmer jetzt klanglich genau da, wo sie auch hingehört, nämlich vielleicht zehn Meter weiter oben, und das Orchester sitzt auch im Orchestergraben, wenn es bei der Aufnahme auch dort gewesen ist.

Für diesen Hörgenuss wurden die Lautsprecher "Subwoofer" und "Center" einer typischen 5.1-Surround-Kinoanlage geopfert, die für Spezialeffekte bei Kinofilmen oder Videospielen beziehungsweise für die Sprachübertragung genutzt werden. Die Entscheidung fiel leicht, da in der klassischen Musikaufnahme doch relativ selten galaktische Kampfraumschiffe mit ohrenbetäubendem Lärm auf unbewohnten Asteroiden einschlagen.

Bei "2+2+2" werden Subwoofer und Center zu eigenen Musikkanälen umfunktioniert, die ein zusätzliches Lautsprecherpaar ansteuern. Die Boxen werden in einer genau festgelegten Höhe (Hälfte des seitlichen Abstands der Hauptlautsprecher) oberhalb der Hauptboxen des Systems installiert.

Neben der Höheninformation ergibt sich ein weiterer positiver Effekt, wie Werner Dabringhaus im Gespräch mit dem Handelsblatt erläutert. Der so genannte "Sweet Spot" fällt weg: "Sie hören die Musik jetzt überall im Raum gleich gut." Bei der normalen Stereo- oder Surround-Installation muss sich der Hörer in einem genau definierten Bereich, dem "Sweet Spot", befinden, um das optimale Klangerlebnis genießen zu können.

Noch ist der musikalische Höhenrausch aber mit Aufwand verbunden. Die Ausgangsbelegung normaler DVD- Videospieler sieht solche Audio-Nutzung eigentlich gar nicht vor, und manche Spieler haben sogar Filter im ".1-Ausgang" - dem "Subwoofer" -, welche die Klangqualität beschneiden. Und wer sowohl 5.1- als auch 2+2+2-Stücke hören will, muss sich selber Umschalter basteln, um zwischen Kino- und 2+2+2-Aufstellung zu wechseln. Bislang sind nur zwei High-End-Verstärker von Denon bzw. Meridian im Markt, die dies ohne kleine Bastelaktionen leisten können.

Das werde sich aber ändern, sagt Manfred Görgen, bei der Dabringhaus und Grimm Audiovision GmbH für Vertrieb zuständig. Zum einen sterben die reinen DVD-Videoplayer aus und werden durch Video/Audio-Kombinationen ersetzt, die sechskanalige analoge Audioausgänge haben. Moderne 7.1-Verstärker - Nachfolger der 5.1-Anlagen - bieten zudem sieben Verstärker und Ausgänge plus Subwoofer. Da ist genug Platz für alle da.

Im März wird zudem die neue Version der DVD-Datenkomprimierungssoftware MLP (Meridian Lossless Packaging) erscheinen. Dann teilt die DVD per Softwarebefehl dem Player automatisch mit, wie er die Ausgänge ansprechen soll - ob zwei, vier, sechs oder sieben Lautsprecher mit oder ohne Subwoofer eingesetzt werden sollen.

Dann wird sich ihr System im Klassik- und Jazzbereich ausbreiten, hoffen die Tüftler, die mehrere Patente angemeldet haben. Doch bis dahin dauert es noch etwas. Erst zehn Klassik-DVD mit Höheneffekt sind bislang im Markt. Das stört in Detmold aber keinen. Der DVD-Audiomarkt steckt schließlich noch in den Kinderschuhen. Und als Werner Dabringhaus Anfang der 80er-Jahre als einer der ersten überhaupt auf das unbekannte Medium CD gesetzt hat, wusste auch keiner, wie es ausgehen wird.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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