Musikindustrie in Existenzangst
Revolutionäre Töne in der Musikbranche

Der Kanzler höchstpersönlich hat am Freitag per Knopfdruck die neue Ära des Musikvertriebs in Deutschland eingeleitet: In Berlin startete Gerhard Schröder virtuell den Internet-Musikvertrieb www.popfile.de des Marktführers Universal Music Deutschland.

HANDELSBLATT, DÜSSELDORF. Für 99 Cent pro Lied soll der Kunde Musik aus dem Netz laden und unbegrenzt auf CD brennen dürfen. Abgerechnet wird über die Telefonrechnung.

Und selbst wenn eines der zunächst verfügbaren 5 000 Stücke dann mal für das Autoradio oder " nen Kumpel" kopiert wird - Schwamm drüber. Das sei eher egal, meint Universal-Chef Tim Renner. Zumindest, solange kein kommerzieller Handel mit den Songs betrieben werde. Das gelegentliche Kopieren gehöre halt seit ewigen Zeiten zum normalen Alltag im Umgang mit Musik.

Musikkonzerne entdecken allmählich den Kunden

Revolutionäre Töne in einer von Existenzangst geprägten Branche: Das digitale E-Business der Musikkonzerne entdeckt offenbar allmählich den Kunden. Bislang arbeitete die Branche eher mit der digitalen Zwangsjacke aus zeitlicher Nutzungsbeschränkung, Kopierverbot, Beschränkung auf ein Abspielgerät oder Abonnementverpflichtungen. Bisher ohne Erfolg: Die legalen Musiktauschbörsen dümpeln am Rande der Bedeutungslosigkeit, und die CD-Verkäufe sacken weiter. Rund 12 % Umsatz wird die deutsche Phonoindustrie dieses Jahr verlieren, prophezeit Renner.

Seit vorletzter Woche haben nun Universal Musik und Sony in den USA ihren bislang erfolglosen Dienst Pressplay den Kundenbedürfnissen etwas angepasst. Pressplay erlaubt jetzt, Lieder - allerdings in speziellen Formaten - auf CD zu brennen und auf tragbare Musikspieler zu übertragen.

Doch nach wie vor misstraut die Branche ihren Kunden. So hat Universal Music USA seit Juli einen Chef für Raubkopien. Emi Recorded Music ist diesem Beispiel jetzt gefolgt. Bald wollen die Unternehmen auch mit Hilfe von legalisiertem Netzwerk-Terror Musiktauschbörsen lahm legen.

Tim Renner lässt das kalt. Die Popfile-Files lassen sich nach seinen Aussagen unbegrenzt auch auf ganz normale Audio-CDs übertragen, nicht kopiergeschützt, allerdings versehen mit einem digitalen Wasserzeichen als Ursprungshinweis. Von Anfang an werden auch Top-Interpreten wie Eminem am Online-Start sein. Bis Jahresende sollen 15
000 Songs digital verfügbar sein, Ende 2003 das gesamte Repertoire. Für 2002 rechnet er mit rund einer Million bezahlter Downloads.

Selbst zusammenstellen ist gefragt

Warum der Alleingang? Für den deutschen Markt sind illegale Downloads eher von geringer Bedeutung, sagt Renner. Hier vermiesen die massenhaft verbreiteten CD-Brenner das Geschäft. Sein Credo deshalb: Das Kopieren erschweren (per Kopierschutz) und attraktive Downloads bieten, die dem Kunden genau den Umgang mit Musik ermöglichen, den er gewohnt ist. "Früher hat man doch auch seiner Freundin die selbst zusammengestellte Musikkassette geschenkt", sagt Renner.

Von diesem Trend leben andere E-Business-Dienste schon halbwegs gut. Der Anbieter Wunsch.CD etwa, seit 2 Jahren im Markt, hat im 1. Quartal 2002 rund 100 000 Euro umgesetzt. Nicht viel, aber im Verhältnis zu sehen zu den Download-Diensten der Musikmultis, die im ganzen letzten Jahr zusammen nur rund 1 Mill. $ geschafft haben sollen.

Wunsch.CD brennt aus seinem Repertoire eine CD, die der Kunde dann - mit persönlichem Aufdruck - zugesandt bekommt. Bernd Hartmann, Vorstand der Records AG, bekommt die meisten Bestellungen für Lieder der 70er und 80er. Oft sind es auch Geschenk-CDs mit dem Aufdruck "Weißt Du noch ...". So etwas war mit den meisten Download-Diensten bislang schlicht unmöglich.

Ende 2002 hofft Hartmann den Break-even zu schaffen, trotz der neuen Konkurrenz von Popfile. Doch das hängt auch vom Musikangebot ab. Zwar hat Wunsch.CD ein paar hundert Titel von Emi und BMG und viel Musik kleinerer Labels, aber keine Top-Chart-Titel. Mit Sony wird verhandelt, ein Deal mit Zomba hängt in der Luft, ebenso Gespräche mit Sony Music. Warner Music und Universal sind gar nicht dabei. Doch auf Dauer wollen die Kunden bei Wunsch.CD das komplette Angebot sehen. Sonst wir es eng.

Allerdings auch für Tim Renner. Für Popfile will er Wettbewerber wie Sony, BMG und Emi mit ins Boot holen. Doch deren Begeisterung hält sich in Grenzen. "Kein Kommentar", heißt es auf Anfrage bei Sony Deutschland, und auch BMG hält sich bedeckt. Stefan Weikert von der Edel Music AG sagt: "Uns hat Universal gar nicht angesprochen." Edel setzt durchaus auf Online-Vertrieb und hatte bereits früh ein Abkommen mit der mittlerweile bankrotten Tauschbörse Napster getroffen. Napster wurde bis zuletzt von den Großen der Musikbranche boykottiert, auch von Universal.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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