Musterdepots
Behutsam durch die Gewinnwarnungssaison

In den USA trudeln die Zahlen für das zweite Quartal ein. Die große Ergebnissaison steht an. Während Yahoo und Motorola die Börse beflügelten erwarten einige Analysten durchschnittliche Gewinnrückgänge um 17 %. Nicht die beste Zeit für engagierte Tradings, glauben die Manager der vier Musterdepots - und üben sich in vorsichtiger Zurückhaltung. Überblick über alle Handelsblatt-Musterdepots

Bankgesellschaft Berlin: Abstinent in der L-Formation

Die Bankgesellschaft Berlin befindet sich mit dem neutralen Musterdepot seit Wochen in einer abstinenten Phase. Zwar wäre ausreichende Liquidität vorhanden, "doch der Optimismus und die klaren Anzeichen für den Einstieg" fehlten derzeit noch, erläutert Depotmanager Karl-Wilhelm Homburg. "Käufe in der jüngeren Vergangenheit wären ebenfalls nicht von Vorteil gewesen", sagt Homburg, der schon im Vorfeld die derzeitige "L-Formation" der deutschen Börsenindizes prognostiziert hatte.

Der Neue Markt drohe gar auszutrocknen; die geringe Liquidität nähme den Indexständen dort zur Zeit jegliche Aussagekraft. Fundamental, da ist sich der Depotmanager sicher, könne nach dem Abwärtstrend die derzeitige Seitwärtsbewegung - auch von der fundamentalen Einschätzung her - durchaus noch bis zum Herbst anhalten. "Die Negativmeldungen aus den Unternehmen reißen nicht ab, alles wird natürlich auf die Goldwaage gelegt", beschreibt er die Stimmung unter Analysten und Anlegern.

"Von einer Sommerrally kann keine Rede sein. Selbst kurzfristige Erholungen an den deutschen und amerikanischen Börsen, wie wir sie auch in dieser Woche sahen, dürften nicht von langer Dauer sein, da die Konjunkturaussichten stark eingetrübt sind und die Unternehmensgewinne fehlen", sagt Homburg.

Von Firmenseite müssten erst mal positive Nachrichten kommen. Damit sehe es zurzeit aber schlecht aus, sagt der Experte und verweist darauf, dass "die schwächsten Wochen noch vor uns liegen". Für die nachrichten- und performancearme Sommerzeit, auf die der tradinonell schwächste Börsenmonat September folgt, will Homburg sein Pulver weiterhin trocken halten. "Selbst defensive Werte und ganze Branchen sind vom schwachen Konjukturumfeld und den - für schlechte Nachtrichten sensibler gewordenen - Märkten angeschlagen, sagt er.

"Aktien sind zwar nicht generell out, doch auch Zykliker kommen wohl erst dann wieder in Frage, wenn Konjunktur und Börsen deutliche, nachhaltige Anzeichen einer Erholung zeigen". Wer in Aktien investieren wolle, so Homburg, der dürfe zurzeit auf keinen Fall die damit verbundenen Risiken unterschätzen. Von heute aus gesehen fast erfreuliche Perspektiven für die deutschen Indizes sieht der Depotmanager auf Sicht der nächsten drei Monate. Für den Neuen Markt und den Dax prognostiziert er Indexstände von 1500 bzw. 6300 Punkten.

SEB AG: Zwei spekulative Chancen am Neuen Markt entdeckt

Auch Tina Koch, Managerin des spekulativen Musterdepots der SEB AG, betont in ihrer aktuellen Markteinschätzung die fundamentalen Schwächen. Diese dürften noch für eine ganze Weile für unsicheres Fahrwasser an den europäischen und amerikanischen Börsen sorgen. Nach den fatalen Meldungen aus der New Economy, die gleich reihenweise eintrafen, bereite auch die Old Economy zurzeit nur wenig Freude, sagt Koch. Selbst ehemals als sichere "Häfen" geltende Sektoren wie Banken und Energie seien nun nicht mehr so sicher: "Sie wurden zwar zuletzt von Anlegern bevorzugt, doch die ersten Investoren steigen jetzt schon wieder aus", sagt die Expertin. Stimulierende Faktoren sind ihrer Meinung nach für die Börsen derzeit nicht in Sicht. Die Konjunktur könnte gegen Ende des Jahres zwar in den USA wieder an Fahrt gewinnen. Doch in Euroland dürften bessere Aussichten für das Wirtschaftswachstum und die damit verbundenen guten Unternehmensmeldungen wohl noch bis Anfang 2002 auf sich warten lassen.

Die Aussichten für die US-Börsen in den nächsten sechs Monaten findet Tina Koch etwas optimistischer als den Ausblick auf die europäischen Märkte. Hier sei die Stimmung einfach angeschlagen, heißt es, es gebe keine große Anzahl an wirklich überzeugenden Titeln. Auch bei großen Investoren sei eine gewisse Zurückhaltung zu spüren. Spekulativ orientierten Investoren, die ein hohes Risiko nicht scheuen, sollten bei Käufen im unsicheren Umfeld unbedingt mit Stop-Loss-Limits absichern, empfiehlt die Depotmanagerin.

Sie hat dem spekulativen Musterdepot zuletzt wieder zwei Werte des arg gebeutelten Neuen Marktes hinzugefügt. Die Aktien des Dienstleisters Thiel Logistik fanden technische Unterstützung bei 15,50 Euro bestätigen und bieten nun weiteres Erholungspotenzial. Fundamental sei die Gesellschaft sehr gut positioniert, so Koch, zudem werde Thiel vom zunehmenden Outsourcing-Trend zu Logistikdienstleistungen in fast allen Industriezweigen profitieren. Während kurzfristig ein Erholungspotenzial von gut 20 % besteht, weist Koch auch auf das längerfristige Kursziel der SEB-Analysten für Thiel hin: Auf Sicht der nächsten 12 Monate sollten 40 Euro drin sein.

Daneben war Medion ein Kauf. Die fundamental nicht gerade günstig zu habende Aktie biete aber Erholungspotenzial, sagt Tina Koch, was von technischen Indikatoren bestätigt werde. Medion verdiene auf Grund der anhaltend und stabil hohen Wachstumsdynamik sowohl bei Umsatz als auch Ergebnis sowie dem hervorragenden Geschäftskonzept gegenüber dem Gesamtmarkt und den Konkurrenten einen Bewertungsaufschlag. Das Unternehmen unterstützt Handel (SB/ Discounter) und Hersteller bei Verkaufsaktionen von Produkten vorwiegend aus dem Bereich Unterhaltungselektronik.

Dresdner Bank: Mit defensiver Startegie in ruhigere Fahrwasser

Weiterhin vorsichtig beurteilen auch die Musterdepot-Experten der Dresdner Bank die aktuelle Lage an den internationalen Börsen. Da die Gewinnwarnungssaison in den USA noch nicht vorüber sei, so Martin Roth, könnten weitere schlechte Unternehmensmeldungen die Märkte negativ beeinflussen. Gleichzeitig stellt der Stratege jedoch schon eine leichte Stimmungsaufhellung fest. Offensichtlich seien einige Analysten und Investoren schon der Ansicht, die schlimmsten Nachrichten habe man bereits verdaut, heißt es.

Roth sieht die Märkte in den nächsten Wochen in einer Seitwärtsbewegung. Bessere Konjunkturmeldungen seien zurzeit Mangelware und von Seiten der Notenbanken würden zunächst keine größeren Leitzinssenkungen erwartet, erläutert Roth, somit könnten nur gute Unternehmennachrichten den Markt beflügeln.

In eher unsicheren Börsenzeiten stehen bei den Investoren vermeintlich sichere Sektoren hoch im Kurs. Dazu zählt die Dresdner Bank zurzeit die Bereiche Versicherungen, Banken, Pharma und - mit Einschränkungen - Versorger/Öl. Im konservativen Musterdepot bestehe bereits eine leichte Übergewichtung des Pharmasektors, sagt Aktienexperte Andreas Wex, für den Medien- und Autowerte sowie zyklische Konsumwerte (etwa LVMH, Swatch) auf der "Watchlist" ganz oben stehen. "Allerdings sind uns hier die Kurse schon wieder etwas davongelaufen", sagt Wex. Außerdem sei man mit der Gesamtausrichtung des Depots sowohl auf der Renten- als auch der Aktienseite derzeit ganz zufrieden, eine Umschichtung zu Gunsten offensiverer Werte käme daher im Moment kaum in Frage.

Aixtron befindet sich nicht mehr im konservativen Musterdepot. Nach zweifelnden Presseberichten über die Angaben des Unternehmens was die Wachstumschancen des Marktes, in dem sich Aixtron bewegt, entstand etwas Unruhe. Die Depotmanager befürchteten, dass die Nervosität über Aixtron weiter anhält und den Kurs weiter unter Druck bringen könnte. Angesichts der Tatsache, dass die recht hohe Bewertung keinen großen Spielraum für Enttäuschungen zulassen wurde der komplette Bestand verkauft. Aktienexperte Andreas Wex ergänzt allerdings, dass auf dem derzeitigen Kursniveau Aixtron schon wieder interessant sei.

DG Bank: Liqiduität aufbauen, auf Wiederbelebung der Tech-Werte warten

Das Depot der DG Bank verlor in den letzten vier Wochen über 5 Prozent. Dennoch steht es im Vergleich zu den anderen Depots mit Abstand weiter am besten da. Erhebliche Marktunsicherheiten haben die Depotmanager der DG Bank dazu veranlasst, sich von SAP und Siemens zu trennen. Zumindest kurzfristig. "Wir haben viel Bares aufgebaut und können auf den Technologie-Zug genau so schnell wieder aufspringen", sagt Thomas Emmert. Der Kapitalmarktexperte sieht den Tech-Sektor von weiteren Korrekturen einzelner Prognosen bedroht und erwartet kurzfristig keine nachhaltige Erholung. Emmert prognostiziert Dax-Stände von 6 500 bis 6 600 Punkten auf 6-Monats-Sicht.

Stark gewichtet hat die DG Bank zurzeit den Pharmasektor im Depot. Doch der Einstiegszeitpunkt war nach Ansicht der Experten bei der Roche-Aktie nicht gerade glücklich gewählt - der Wert steht zurzeit mit über 20 Prozent minus zu Buche. "Roche würde ich als Wackelkandidat im Depot bezeichnen, wir überlegen, uns von der Aktie zu trennen", sagt Davorin Haller. Er hat die Stada-Stämme jüngst in Vorzugsaktien getauscht und will so einen Arbitrage-Gewinn einfahren, wenn die Vorzüge in Stammaktien umgewandelt werden. An der Aktie möchte der Experte grundsätzlich erst einmal festhalten, denn der Pharmasektor sei durchaus als aussichtsreich einzustufen. Auch von positiven Entwicklungen im Biotech-Sektor soll es hier noch Rückenwind für die "Pharmazeuten" geben.

Haller überlegt, künftig der Telekom-Branche wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. "Mobilcom ist für uns ein interessanter Wert", sagt der Depotmanager. Der zuletzt stark gebeutelte Telekom-Sektor könne von Preiserhöhungen profitieren. Durch das Ausscheiden kleiner Anbieter sollen nach Hallers Meinung auch die Preisstrukturen wieder aufgebrochen werden und die Margen im Telefonie-Geschäft steigen. Allerdings sei das Risiko bei Mobilcom als relativ hoch einzustufen. Sollte er sich also für den Wert entscheiden, will Haller eine "enge Stop-Loss-Marke setzen."

Mit dem Nasdaq-Partizipationsschein konnte die DG Bank bislang nur an der negativen Entwicklung des technologielastigen US-Index teilhaben. Die Experten wollen den Schein dennoch behalten, weil sie eine stärkere (Wieder-)Belebung der Konjunktur in den USA erwarten als vergleichsweise in Euroland. Dazu sollen die zahlreichen Leitzinssenkungen der amerikanischen Notenbank beitragen, die sich mit einer Zeitverzögerung von sechs bis zwölf Monaten bemerkbar machen könnten.

"Wir sind zurzeit nicht besonders aggressiv positioniert", sagt Haller. Das Depot habe sich im vergangenen Monat im Gleichschritt mit dem Markt entwickelt. Haller ist daher angesichts der angespannten Lage auf dem Aktienmarkt zumindest nicht unzufrieden. Überproportionale Verluste erwartet er wegen der eher vorsichtigen Portfoliozusammensetzung nun nicht mehr. Als sicherer Hafen hätte sich im übrigen die VW-Aktie erwiesen. Auf Grund der guten Neu-Zulassungszahlen habe sich die Aktie sogar leicht positiv entwickeln können.

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