Mutmaßlicher Kriegsverbrecher in Bosnien-Herzegowina untergetaucht
Sfor-Soldaten eröffnen Jagd auf Karadzic

Der Druck auf mutmaßliche Kriegsverbrecher steigt: Zum ersten Mal versucht die von der Nato geführte Friedenstruppe in Bosnien ernsthaft, Ex-Serbenführer Karadzic festzunehmen.

BUDAPEST. Mit einer groß angelegten Aktion unter Einsatz von Hubschaubern haben Soldaten der internationalen Friedenstruppe Sfor in der südostbosnischen Ortschaft Celebici versucht, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic festzunehmen. Sfor-Soldaten stürmten die Ortschaft bei Foca; sie hätten aber nur mehrere Waffenlager gefunden, sagte Nato-Sprecher Yves Brodeur. Karadzic wurde nicht vorgefunden, doch demonstriere der Einsatz die Entschlossenheit von Nato und Sfor, alle verfügbaren Mittel für dieses Ziel einzusetzen, hieß es in Brüssel. Nach serbischen Berichten kam es zu stundenlangen Schießereien in der Region, die als Hochburg serbischer Hardliner gilt.

Neben dem in Den Haag angeklagten früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic gelten Karadzic als ehemaliger Präsident der bosnischen Serben sowie der frühere Kommandeur der bosnisch-serbischen Milizen, General Ratko Mladic, als Hauptverantwortliche für Kriegsverbrechen, die während des Bosnien-Krieges von 1992 bis 1995 begangen wurden.

Dabei kamen mehr Menschen bei systematischen Massentötungen als bei Kampfhandlungen ums Leben; fast die Hälfte der Bevölkerung wurde aus ihren Heimatregionen vertrieben. Allein in der ostbosnischen Stadt Srebrenica wurden 1995 mehr als 7 000 muslimische Männer durch die bosnisch-serbische Miliz entführt und ermordet. Die dort stationierten Uno-Friedenstruppen schauten tatenlos zu, weil sie kein Mandat zum Eingreifen hatten. Karadzic und Mladic waren zudem die Drahtzieher der blutigen Belagerung Sarajevos.

Das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hatte Karadzic 1995 wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen das Kriegsvölkerrecht angeklagt. Der frühere Psychiater lebt seit Jahren im Untergrund.

Seit Jahresbeginn war der internationale Druck auf die Sfor gewachsen, endlich Festnahmen vorzuweisen. Zuletzt hatten Nato-Generalsekretär George Robertson und der internationale Bosnien-Beauftragte Wolfgang Petritsch in Brüssel betont, solange mutmaßliche Kriegsverbrecher in Freiheit seien, könne der Friede in Bosnien-Herzegowina nicht dauerhaft gesichert werden. In der Belgrader Zeitung Vecernje Novosti kündigte Petritsch an, Karadzic und Mladic würden sich bald vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wiederfinden.

Nach Ansicht von Beobachtern wird Bosnien-Herzegowina, das in die Bosnische-Kroatische Förderation und die Serbische Repblik zerfällt, gerade als Rechtsstaat ein fragiles Gebilde bleiben, solange Karadzic und andere nicht zur Verantwortung gezogen werden. Bei einem Besuch in Banja Luka Mitte Februar wies die Uno-Chefanklägerin Carla Del Ponte darauf hin, dass sich allein in der Serbischen Republik mindestens 15 mutmaßliche Kriegsverbrecher auf freiem Fuß befinden.

Immerhin hat die Serbische Demokratische Partei (SDS), die in der Republik immer noch maßgeblichen Einfluss hat, unlängst ein neues Statut erlassen, das alle Mitglieder, die vom Tribunal in Den Haag gesucht werden, mit sofortiger Wirkung ausschloss. Davon betroffen war nicht zuletzt der Parteigründer Karadzic selbst. Die Sfor hat nach dem Friedensabkommen von Dayton aus dem Jahre 1995 ausdrücklich das Recht, Kriegsverbrecher festzunehmen. Gegenwärtig wird allerdings internationale intensiv über eine Reduzierung des militärischen Engagement des Westens in Bosnien-Herzegowina diskutiert. Insbesondere die USA drängen im Rahmen der Neuausrichtung ihres internationalen Engagements nach dem 11. September auf eine starke und rasche Reduzierung der Zahl ihrer Soldaten in Bosnien-Herzegowina.

Schon 1999 waren die Sfor-Einheiten von 30 000 auf jetzt 17 000 Soldaten reduziert worden. Auch der Bosnien-Beauftragte Petritsch betont, Probleme der inneren Sicherheit des Landes könnten zunehmend mit polizeilichen Mitteln gelöst werden. Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, so Petritsch, sei es deshalb dem Land bei der Stärkung von Polizei und Justiz zu helfen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%