Mythen der griechischen Antike in einer unterhaltsamen Höredition
Von Amors Pfeil bis Sisyphos’ Fels

Vielleicht hätte es die Organisatoren der diesjährigen Olympischen Spiele in Athen gefreut, wären ihnen die Götter im Vorfeld der Spiele zu Hilfe gekommen; der Zeitverzug beim Bau der Anlagen war enorm. Doch seit kurzem sind die Spielstätten fertig. Zu guter Letzt ging es auch ohne Beistand von oben. Tatsächlich ist das Personal der griechischen Mythen - wenn schon nicht mehr unbedingt persönlich nachgefragt - in unserer Zeit allgegenwärtig.

HB BERLIN. Zwar hat die klassische Bildung in den Lehrplänen der Schulen ihre Bedeutung verloren. Doch in der Alltagssprache wimmelt es vor Wörtern und Redewendungen, die den griechischen Mythen entstammen. Erst kürzlich wurde Bildungsministerin Edelgard Buhlmann in den Medien attestiert, sie müsse sich wie Sisyphos fühlen. Gern sagt man auch, athletische Männer sähen aus wie Adonis, und Frauen seien schön wie Helena. Da leidet jemand unter einem Ödipuskomplex. Andere hingegen sind selbstverliebt wie Narziss oder ertragen Tantalusqualen. Und wer lässt sich nicht gern becircen! Doch was hat Sisyphos eigentlich für eine Schuld auf sich geladen. Und warum ist Hermes gleichzeitig Gott der Händler und der Diebe?

Es lohnt sich, das gesammelte Halbwissen aufzufrischen - schon deshalb, damit es einem beim Geschäftsessen nicht so geht wie der geschätzten Frau Stöhr in Thomas Manns "Zauberberg". Die ließ Tantalus statt Sisyphos den Stein einen Berg hinaufwälzen - und erntete für den "Bildungsschnitzer" Gelächter.

Nun hat der Gerstenberg Verlag die wichtigsten griechischen Mythen in einer hörenswerten CD-Edition aufgelegt. Sie geht aus einem Buch von Gerold Dommermuth-Gudrich hervor, das vor vier Jahren erschienen ist. 24 Kapitel entschlüsseln die Bedeutung von Mythen. Tatsächlich sind Mythen keine Märchen, vielmehr erklärten sich die Menschen der Antike auf diese Weise Naturphänomene. Neben den Grundzügen mythischen Denkens vermitteln die Kapitel auch die gesellschaftlichen Funktionen der Mythen. Zudem gibt es beispielsweise im Kapitel über den narzisstischen Jüngling aktuelle Bezüge, die deutlich machen, wie mythische Bilder heute benutzt oder gar missbraucht werden.

Obwohl die Höredition nur Basiswissen vermittelt, gibt es doch einige Aha-Erlebnisse. Denn die Geschichten sind so mächtig, dass ihre Themen noch heute in Kunst, Musik und Literatur vorkommen und neu interpretiert werden. Vor allem zum Verständnis von philosophischen Überlegungen sind sie unerlässlich. Schauspieler Clemens von Ramin trägt die kurzen Texte sehr ansprechend vor. Vor allem bei den unvermeidlichen Klatsch- und Tratschgeschichten über Zeus, Apoll und Aphrodite verleiht er seiner Stimme das nötige ironische Timbre.

Die Hör-CDs wenden sich an Menschen, die keine dezidiert klassische Bildung erfahren haben. Der Hörer wird kurz und prägnant informiert und dabei gut unterhalten. Das Hörbuch "Mythen" ist in der enzyklopädischen Reihe "50 Klassiker" erschienen, die einem nicht nur bei der Beantwortung von Günter Jauchs Quizfragen in "Wer wird Millionär" weiterhilft, sondern auch im täglichen Versuch, eine angemessene Sprache zu finden - spätestens dann, wenn man von Amors Pfeil sprechen will, der einen verliebten Kollegen getroffen hat.

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