Nach 16 Jahren WM-Abstinenz
Ganz Polen wieder im Fußballrausch

Staatspräsident Kwasniewski ist kein Einzelfall. Dem Fußball wird in diesen Tagen in Polen alles untergeordnet, Regierungsgeschäfte inklusive. Nach 16 Jahren der Abstinenz ist ganz Polen verrückt auf die WM.

dpa WARSCHAU. Der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski hat seinen Staatsbesuch in Südkorea sorgfältig geplant. Offiziell geht es um die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen, aber das sportbegeisterte Staatsoberhaupt wird zudem dem polnischen Nationalteam am Dienstag beim ersten WM-Auftritt seit 16 Jahren im Stadion die Daumen drücken.

Ganz sicher in der Hoffnung, den Kickern, denen er für die Reise nach Fernost die Präsidentenmaschine geliehen hatte, keine Mitfluggelegenheit für die Rückkehr anbieten zu müssen.

Die Kabinettssitzung am Dienstag werde für die Dauer des Fußballspiels unterbrochen. "Wir alle werden unseren Jungs die Daumen drücken", kündigte Regierungschef Leszek Miller am Montag im polnischen Rundfunk an. In diesem Fall ist ihm der Beifall der Opposition garantiert, und auch in den Parlamentsauschüssen dürfte ebenso wie in vielen Unternehmen die Mittagspause beim WM-Auftakt der polnischen Kicker länger als üblich ausfallen. Patriotismus hat in Polen Tradition.

Nun aber sind die rot-weißen Nationalfarben und Fan-Artikel präsenter denn je. Das Fußballfieber nimmt fast brasilianische Ausmaße an, Nationaltrainer Jerzy Engel gleicht zunehmend einer Lichtgestalt. Selbst Waschpulver, Hundefutter und Heimwerkerartikel scheinen sich leichter verkaufen zu lassen, wenn in der Werbung ein Bezug zu König Fußball hergestellt wird. Torjubel schallt bereits seit Wochen vom höchsten Gebäude Polens, dem Warschauer Kulturpalast. Dort verkürzte eine Ausstellung über vergangene WM-Auftritte und Tor-Triumpfe die Wartezeit auf die erste Ballberührung von Engels Kickern.

Auch die "Gazeta Wyborcza", die größte Tageszeitung Polens, stimmt ein. Eine Multimedia-CD als Gratisgeschenk der Freitagsausgabe zeigt noch einmal die schönsten polnischen Torerfolge seit 1938, auch der polnische WM-Song mit dem sinnigen Titel "Najwazniejsze jest gol" (am wichtigsten ist das Tor) fehlt nicht.

Mancher dürfte auf himmlischen Beistand hoffen, ist doch der polnische Papst Johannes Paul II. als Fußballfan bekannt. Sollte dem polnischen WM-Auftritt dennoch Glanz fehlen, trösten sich die Polen schon jetzt mit den Erfolgen polnischs-stämmiger Kicker - spielte doch der Vater des deutschen Dreifach-Torschützen Miroslav Klose einst bei "Odra Opole".

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