Nach 26 Jahren
Kohls leiser Abschied aus dem Parlament

Der Abschied war still und leise. Donnerstag, gegen Mittag: Helmut Kohl, 16 Jahre Bundeskanzler, seit 1976 im Bundestag, erhob sich zum letzten Mal von seinem Abgeordnetenplatz und verließ vermutlich für immer den Plenarsaal. Der Auftakt der Beratungen für den Haushalt 2003, zehn Tage vor der Bundestagswahl, war die letzte Debatte, die der Rekord-Kanzler in seiner langen Karriere verfolgte.

dpa BERLIN. Für die voraussichtlich letzte Sitzung in dieser Legislaturperiode an diesem Freitag ist der ehemalige CDU-Chef bereits entschuldigt. Mit dem 22. September verlässt Kohl nach 26 Jahren endgültig die parlamentarische Bühne. Wortlos schritt er durch das Portal, kein Interview, nichts.

Für Kohls Abschied, der die Bundesrepublik so lange wie kein Kanzler vor ihm führte, seine Partei maßgeblich prägte und schließlich durch den Spendenskandal auch in die schwerste Krise führte, war nichts vorbereitet. Nur durch Zufall war durchgesickert, dass Kohl an diesem Freitag fehlen wird, um in Nordrhein-Westfalen Wahlkampf zu machen. Wie immer in den letzten vier Oppositionsjahren saß Kohl im Plenum rechts außen am Gang, umgeben von vertrauten Abgeordneten wie Gottfried Haschke und dem ehemaligen Geheimdienstkoordinator, Bernd Schmidbauer.

Der Rede von Fraktionschef Friedrich Merz applaudierte er. Indirekt hatte der Fraktionschef den Alt-Kanzler doch gewürdigt: "Jedes der 16 Jahre (seiner Regierungszeit) ist besser gewesen als ein Jahr Rot-Grün." Am Nachmittag wurde Kohl schon in Merz' Wahlkreis im Sauerland erwartet.

Im Parlament hatte sich Kohl als Oppositionschef wie auch als Kanzler an seinen Gegnern stets gerieben und sie sich an ihm. In seiner letzten Legislaturperiode war er nur noch zwei Mal als Redner aufgetreten. Einmal in der Sitzung, als der Bundestag 1999 von Bonn Abschied nahm, und dann in einer Sondersitzung des Parlaments zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1999.

Bis zuletzt erhitzte Kohl die Gemüter

In Erinnerung bleibt aus den letzten vier Jahren seine erregte Wortmeldung, als er zu Beginn der CDU-Spendenaffäre eine schnelle Aufklärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe verlangte. Bis zuletzt erhitzte Kohl die Gemüter. Noch am Mittwoch rügten ihn im Ältestenrat die Vertreter von SPD und Grünen wegen seines angeblichen Vergleichs von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) mit dem NS- Reichstagspräsidenten Hermann Göring. Der Bundestag hatte vor wenigen Wochen den Bericht über die Spendenaffäre und Kohls Beteiligung daran debattiert.

Zwei Tage nach der Wahl wird Kohl zusammen mit den anderen Unions- Parlamentariern, die den Bundestag verlassen, gebührend verabschiedet. Dann wird, wie der CDU-Haushälter Dietrich Austermann sagte, «der verdiente Staatsmann, großartige Regierungschef und gewandte Redner» offiziell gewürdigt. Diese Ehrung erfahren dann auch die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und Heiner Geißler, die in den vergangenen Jahren zu Kohls heftigsten Kritikern gehörten.

Ganz verschwinden von der politischen Bühne wird Kohl auch danach nicht. Der 72-Jährige behält wie alle Regierungschefs sein Büro in Berlin und seinen Dienstwagen. Sein Lebensmittelpunkt, so sagte er nach dem Tod von Ehefrau Hannelore, werde die Haupstadt sein. Auch Juliane Weber, seine langjährige Büroleiterin und Vertraute, bleibt an seiner Seite.

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