Nach Allzeittief am Vormittag
Nemax-All-Share fällt unter 3 000 Punkte

Die Talfahrt der Aktien am Frankfurter Neuen Markt hat sich am Donnerstagnachmittag fortgesetzt. Nachdem der Nemax am Vormittag mit einem Minus von 4 Prozent ein neues Allzeittief erreichte schwächte sich der Abwärtstrend am Nachmittag mit einem Minus von 3,22 Prozent nur leicht ab.

hof/po/som rtr FRANKFURT. Vor allem Kleinanleger trennten sich nun von ihren Aktien, sagten Händler. Die Kursverluste bei den Standardwerten fielen dagegen deutlich geringer aus.

Am Mittwoch hatte die Nasdaq gut vier Prozent auf 2 755,34 Punkte eingebüßt. Dies war der fünfte Verlusttag in Folge. Der Index hat damit allein seit Anfang September 35 Prozent verloren. Der Einbruch an Nasdaq vom Mittwoch war von Börsianern mit der Unsicherheit über die weitere Entwicklung bei der US-Präsidentenwahl und Sorgen um ein sich abschwächendes Wachstum der US-Konjunktur erklärt worden.

Der alle Werte am Neuen Markt umfassende Nemax-All-Share gab am Donnerstag bis zum frühen Nachmittag 3,22 Prozent auf 2 966,82 Punkte ab. Erstmals wurde dieser Index am 16. Januar 1998 mit 979,34 Zählern berechnet. Der Nemax 50-Index wurde am 1. Juli 1999 mit einem Stand von 4 401,81 Punkten eingeführt.



"Es geht die Angst um"

Am Donnerstag seien vor allem Kleinanleger auf der Abgeberseite, sagten Händler. Das schlechte Bild, das in der jüngsten zeit in der Presse über den Neuen Markt gezeichnet werde, habe die Privaten so verunsichert, dass sie sich nun von ihren Papieren trennten. Da zudem die US-Märkte wegen des Erntedankefeiertages geschlossen hätten, seien am Donnerstag nur wenige institutionelle Anleger aktiv. "Die Kleinanleger sind größtenteils schon raus aus ihren Positionen", sagte ein anderer Börsianer. Ein anderer fügte hinzu: "Es geht die Angst um."

Möglicherweise gehe aber im Tagesverlauf vom Deutschen Aktienindex (Dax) etwas Unterstützung für den Neuen Markt aus, sagte ein Börsianer. Der Index für die Standardwerte konnte sich bis zum Donnerstagnachmittag bei einem Stand von 3083,67 Zählern mit einem leichten Plus von 0,17 Prozent knapp behaupten. Allerdings seien hier die Umsätze wegen des US-Feiertages sehr dünn. Verkäufe gebe es derzeit vor allem bei Aktien, die noch sehr hoch bewertet seien, sagte Martin Kruse, Händler bei der Hamburger Sparkasse. Dazu gehörten beispielsweise Aixtron und Medion.

Belastend wirke sich seit einiger Zeit auch aus, dass institutionelle Anleger wie zu jedem Jahresende versuchten, durch Verkäufe ihre Depots zu bereinigen, aber kaum Käufer für die Aktien fänden, sagte ein Händler. Der jährlich wiederkehrende Versuch, dass Depot zur Veröffentlichung der Bilanz am Ende des Jahres vor allem mit erfolgreichen Aktien bestückt zu haben, sei derzeit nur schwer umzusetzen, hieß es.

Der Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer sagte unterdessen, aus seiner Sicht würden die jüngsten Kursverluste an den weltweiten Aktienmärkten keine Krise, sondern eine Korrektur darstellen.

"Was wir momentan erleben, ist ein täglicher Minicrash bei Technologiewerten. Zu erklären ist das nur dadurch, dass Spezialfonds, die nicht unbedingt in diese Werte investieren müssen, sich in Panik zurückziehen", meint Wassili Papas von der Fondsgesellschaft Union Investment. Seiner Meinung nach wurde der Kurssturz durch einen großen Fonds in Gang gesetzt, was zu einem Domino-Effekt führte.

Ausländische Institutionelle verkaufen

Kerstan von Schlotheim von Adig Investment geht davon aus, dass vor allem ausländische Institutionelle als Verkäufer auftreten, die im Frühjahr in den Markt gegangen seien und damit auch für die Kurssteigerungen gesorgt hätten. Sie seien nun von der schlechten Performance und dem schwachen Euro doppelt getroffen und zögen sich zurück. Dagegen würden gerade die Privatanleger wieder in Wachstumswerte-Fonds einsteigen, was Adig im November bislang Zuflüsse beschert habe.

Aus währungsbedingten Zwängen verkauften vor allem Fondsmanager aus Großbritannien und den USA, meint Heinrich Durstewitz von der DIT-Investmentgruppe. Dem hauseigenen Fonds für europäische Neue Märkte flössen dagegen täglich ein bis zwei Millionen DM zu. Die Gelder würden aber nicht angelegt, sondern in Geldmarktfonds geparkt. "Unser Cash- Anteil ist derzeit mit 20 % ungewöhnlich hoch. Sobald sich der Nebel lichtet, investieren wir wieder in Aktien", meint Durstewitz. Auch bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS parken Fondsmanager die "leichten Zuflüsse" in Geldmarktfonds. Daneben bauen viele Fonds Barbestände durch Verkäufe von Aktien auf, die in Zukunft keine Wertzuwächse versprechen. Doch der "richtige Verkaufsdruck kommt von US-Pensionsfonds", meint DWS-Sprecher Thomas Richter.

Börsenkandidaten auf dem Rückzug

Angesichts der Kursturbulenzen haben Börsenkandidaten Schwierigkeiten, ihre Aktien zu platzieren. Gestern sagten mit dem Schweizer Pharmahändler Royalty Pharma und der auf Service-Hotlines spezialisierten DTMS aus Mainz zwei Firmen ihren Gang an den Neuen Markt vorerst ab. Die Unternehmen erklärten, dass sich derzeit keine akzeptablen Preise für ihre Aktien erzielen ließen. Der Börsenkandidat Comtrade begegnete der Marktlage indes damit, dass er die laufende Zeichnungsfrist um einen Tag verlängerte und die Bookbuildingspanne senkte.

Anlagestrategen sehen trotz der schlechten Börsenentwicklung keinen Grund für Panikverkäufe. Der Aktientrend sei intakt. Im nächsten Jahr werde die Wertentwicklung von Aktien die der Renten schlagen. Die Einschätzungen der Entwicklung des Dax bis Ende nächsten Jahres sind positiv. Die Experten von HSBC Trinkaus & Burckhardt sehen das deutsche Börsenbarometer bei 8 000 Punkten. Dagegen raten die meisten Analysten am Neuen Markt zum Abwarten. Noch sei keine Bodenbildung erreicht, meint Stefan Hentschel vom Bankhaus Lampe.

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