Nach Amok-Lauf
Schüler und Lehrer gedachten erneut der Opfer

Schüler und Lehrer des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums haben am Montag erneut der 16 Opfer des Amoklaufs vom Freitag gedacht. Zum Unterrichtsbeginn versammelten sich Hunderte Jugendliche und Erwachsene vor dem Schulgebäude. Danach wurden sie mit Bussen zum Rathaus gefahren, wo sie die ganze Woche über psychologisch betreut werden sollen. Unterricht findet nicht statt.

rtr ERFURT. Die Polizei geht mittlerweile davon aus, dass der 19-jähige Amokläufer Robert Steinhäuser seine Tat geplant hat. Er habe sich zudem intensiver als üblich mit Waffen und Töten beschäftigt, sagte Erfurts Polizeichef Rainer Grube. Nach Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Außenminister Joschka Fischer (Grüne) will am Vormittag auch die Unionsspitze der Opfer des Amoklaufs gedenken. Unterdessen entbrannte zwischen Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und seinem bayerischen Amtskollegen Günther Beckstein (CSU) eine heftige Kontroverse über ein Verbot gewaltverherrlichender Videos und Computerspiele.

Viele Schüler, die sich vor dem Schulgebäude versammelt hatten, weinten und wurden von Freunden getröstet. Zahlreiche Jugendliche legten frische Blumen am Portal des Gutenberg-Gymnasiums ab, wo unzählige Rosen, Nelken und Tulpen ein Blumenmeer bilden. Zwischen den Blumen wurden Kerzen angezündet. Ein 15-jähriger Schüler sagte: "Wir haben noch nicht einmal angefangen zu verstehen, was passiert ist." Es werde schwer sein, zur Schule zurückzukehren. Ein von Politikern ins Gespräch gebrachte Verschärfung des Waffenrecht bringe nichts: "Wenn jemand so etwas tun will, findet er einen Weg. Man kann einen anderen Menschen auch mit dem Küchenmesser töten."

Oberbürgermeister Manfred Ruge (CDU) sagte Reuters, das Wichtigste sei, dass die Kinder jetzt zur Ruhe kämen. Eltern und Schüler hätten sich entschieden, dass das Gebäude renoviert und wieder als Schulhaus genutzt werden solle. Am Vormittag wurden auch Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel in Erfurt erwartet. Die Unionsführung hat deswegen die für Montag geplante Verabschiedung ihres Wahlprogramms um eine Woche verschoben.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) haben für 11.05 Uhr zu einer landesweiten Schweigeminute aufgerufen. Um diese Zeit hatte am Freitag der 19-jährige Steinhäuser seinen Amoklauf begonnen, bei dem er 16 Menschen zumeist durch Kopfschüsse tötete. Nachdem ein Lehrer ihn zum Aufgeben gebracht hatte, erschoss er sich selbst. Steinhäuser war Anfang des Jahres der Schule verwiesen worden, weil er ärztliche Atteste gefälscht hatte. Im vergangenen Jahr hatte er das Abitur nicht bestanden.

Erfurts Polizeichef Grube sagte im ZDF, vieles deute auf eine geplante Tat hin. Steinhäuser habe per Kurzmitteilung über das Handy "informiert, dass bestimmte Leute am Tattag nicht in die Schule gehen sollten". Die polizeilichen Ermittlungen hätten ergeben, dass Steinhäuser sich sehr intensiv mit Gewaltvideos beschäftigt habe. Der junge Mann habe sehr zurückhaltend gelebt und nur einen kleinen Freundeskreis gehabt. Es gebe Indizien, dass sich der 19-Jährige "intensiver als üblich mit Waffen und Töten beschäftigt hat". Steinhäuser war aktiver Sportschütze und im Besitz der erforderlichen Genehmigungen für die Waffen, die er bei sich hatte.

Grube sagte Reuters, eine Webseite im Internet über Steinhäuser habe sich als Fälschung erwiesen. Sie sei nach einer Pressekonferenz der Polizei am Sonntagnachmittag vom Netz genommen worden. Der Gestalter der Seite habe sich für sein Handeln entschuldigt. Die Polizei hatte zunächst nicht ausgeschlossen, dass Steinhäuser die Webseite selbst gestaltet hatte. Allerdings war sie mehrere Stunden nach seinem Tod aktualisiert worden, was den Verdacht genährt hatte, es handele sich um das Werk eines Trittbrettfahrers.

Bundesinnenminister Schily wies den Vorwurf seines bayerischen Kollegen Beckstein zurück, die Bundesregierung habe eine Bundesrats-Initiative zum Verbot von Gewaltvideos verschleppt. Das disqualifiziere ihn als Mitglied von Stoibers Wahlkampfteam, sagte Schily im ZDF. Beckstein mache "schamlos und unanständig" Wahlkampf. Der bayerische Innenminister wiederholte im ZDF den Vorwurf der "skandalösen Untätigkeit". Zur Verschärfung des Waffenrechts schlug er vor, die Kriterien zur Vergabe von großkalibrigen Waffen zu überprüfen, die normalerweise nicht zu sportlichen Zwecken benutzt würden. Schily hatte vorgeschlagen, das Alter für die Vergabe von Waffen von jetzt 18 auf 21 Jahre zu erhöhen. Der Bundestag hatte erst am Freitag ein neues Waffenrecht beschlossen, das an einigen Stellen schärfere Bestimmungen enthält, aber zugleich einige Vorgaben für Schützenvereine und Jäger lockerte. Die Zustimmung des Bundesrates steht noch aus.

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