Nach Amoklauf
Schröder will Waffenrecht verschärfen

Am ersten Schultag nach dem Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium haben zehntausende Menschen in Deutschland der Opfer gedacht. Vor dem Eingang des Gymnasiums lagen sich Schüler über einem Meer aus Blumen und Kerzen weinend in den Armen.

dpa ERFURT. Die Bundesregierung will nach dem beispiellosen Verbrechen mit 17 Toten energischer gegen Gewalt in den Medien und den Waffenbesitz von Heranwachsenden vorgehen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mahnte wie andere Politiker aber auch zum Innehalten nach dem Schock: "Hektische Reaktionen und Vorschläge helfen uns nicht weiter."

Bundesweit gedachten Lehrer und Schüler um 11.05 Uhr mit einer Schweigeminute der Opfer. Bei mehreren Trauermärschen in Erfurt zogen tausende Schüler mit Blumen in den Händen durch die Innenstadt. Hunderte Angehörige des Gutenberg-Gymnasiums suchten im Rathaus gemeinsam mit Lehrern und Eltern weinend Rat bei Psychologen.

In Berlin sprach sich Bundeskanzler Schröder für "gravierende Veränderungen" im deutschen Waffenrecht aus. Bund und Länder sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums bereits im Gespräch über eine Verschärfung des erst am vergangenen Freitag verabschiedeten Gesetzes. Das Alter für den Waffenbesitz solle heraufgesetzt werden. Unklar blieb am Montag, ob eine geplante Novelle des Jugendschutzrechts und damit auch eine Eindämmung von gewaltverherrlichenden Computer- und Videospielen noch in dieser Legislaturperiode in Kraft treten kann.

In den Erfurter Kirchen kamen tausende Menschen, darunter viele junge, zu stillem Gedenken zusammen. Mehr als 5000 Menschen drückten in Kondolenzbüchern ihr Entsetzen über die Tat aus. Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) und CDU-Chefin Angela Merkel legten am Tatort Blumen nieder. Auf dem Domplatz kamen rund 1000 Menschen zusammen. Über Lautsprecher ließen viele ihren Gefühlen freien Lauf, es wurde erste Kritik an der großen Medienpräsenz laut.

Der 19-jährige Ex-Schüler Robert Steinhäuser hatte am Freitag während der Abiturprüfungen 12 Lehrer, 2 Schüler, eine Sekretärin, einen Polizisten und dann sich selbst erschossen. Der Unterricht für die Gymnasiasten soll in der kommenden Woche in einer anderen Schule weitergehen. Unklar war, wie die Betroffenen zum Abitur kommen können. Thüringens Kultusminister Michael Krapp (CDU) sagte im MDR- Fernsehen: "Es ist mein Ziel und fester Wille, den Schülern unter diesen besonderen Umständen zu einem bundesweit anerkannten Abschluss zu verhelfen."

Ermittlungen im Bekanntenkreis des Täters brachten Hinweise, dass Steinhäuser per Handy Kurznachrichten (SMS) mit Warnungen vor einem Schulbesuch verschickt habe. Belege dafür gibt es bisher nicht. "Wir prüfen, ob die Tat geplant war", sagte Erfurts Polizeichef Rainer Grube. Der Amokläufer hatte bei der Bluttat auch Munition für seine Pumpgun dabei. Seine Opfer tötete er aber mit über 40 Schüssen aus einer Neun-Millimeter-Pistole. Gerichtsmediziner schlossen die Obduktion der Opfer ab.

In den Schulen Thüringens sprachen Lehrer mit Schülern über Trauer, Angst und Entsetzen nach den Ereignissen. "Diese Gespräche sollen den Kindern wieder Zuversicht und Kraft geben", sagte Gabriele Wrede, Direktorin einer Grundschule in Jena.

Viele Politiker, Kirchenvertreter und Experten forderten ein schärferes Vorgehen gegen brutale Gewaltdarstellung in den Medien und Killerspiele auf Video. Steinhäuser soll solche Spiele auf dem Computer gespielt und Gewaltvideos geguckt haben, während seine Eltern dachten, er lerne fürs Abitur. "Es ist eine höhere Intoleranz notwendig gegen Gewaltverherrlichung und die Akzeptanz von Gewalt in unserer Gesellschaft", sagte Stoiber in Erfurt. Schröder lud die Intendanten der Rundfunk- und Fernsehanstalten zu Gesprächen über Wirkungen von Gewaltdarstellungen ein.

Mehrere Politiker mahnten zu Besonnenheit. "Ich glaube, wir brauchen einen Moment des Innehaltens", sagte der Bundeskanzler. Er warnte nach einer Sitzung des SPD-Vorstands ebenso wie FDP, Grüne und PDS vor einem Parteienstreit. "Wir trauern mit den Betroffenen und Angehörigen. Sie wollen jetzt, dass wir alle zusammenrücken." Indirekt kritisierte er damit Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU). Dieser hatte der Bundesregierung zuvor "skandalöse Untätigkeit" vorgehalten.

Wie eine dpa-Umfrage ergab, wird in den Schulbehörden der Länder als Reaktion auf den Amoklauf geprüft, die schulpsychologischen Beratungsstellen auszubauen, um Verhaltensauffälligkeiten bei Schülern frühzeitig zu erkennen. Viele Lehrer treten nach Angaben des Verbandes Bildung und Erziehung mit großer Angst vor die Klassen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die zu den Schweigeminuten aufgerufen hatte, forderte eine breite Debatte über Gewalt an Schulen.

Konsequenzen in der Lehrerausbildung, tief greifende Konsequenzen in Gesellschaft und Schule, weniger Gewaltdarstellungen in den Medien: Auf diesen gemeinsamen Nenner lassen sich Forderungen von Psychologen und Bildungsexperten bringen, die in dpa-Gesprächen zu Konsequenzen des Amoklaufs befragt wurden.

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