Nach dem 11.September
Weltwirtschaft auf Erholungskurs

Weltwirtschaft hat den Schock verdaut Untergangszenarien haben sich nach dem 11. September nicht bestätigt, schon in diesem Jahr wird das Welthandelsvolumen wieder zunehmen. Die Kosten für den internationalen Austausch von Waren dürften aber steigen.

HB NEW YORK. Kurz nach dem 11. September erklärte John Gray, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics, das Zeitalter der Globalisierung für beendet. Wie viele seiner Kollegen sagte er voraus: Der globale Austausch von Gütern, Kapital und Ideen werde nach den Attacken auf New York und Washington dramatisch zurückgehen. Doch die Weltwirtschaft hat sich schneller als befürchtet von dem Terrorschock erholt. Zwar brach der Welthandel Ende 2001 ein. Schon in diesem Jahr aber werde er wieder um mehr als 2 % zulegen, prognostiziert die britische Regierung. 2003 erwartet sie gar ein Plus von mehr als 8 %.

"Wir können alle froh sein, dass sich die Untergangsszenarien nach dem 11. September nicht bewahrheitet haben", meinte kürzlich der Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Horst Köhler. Dank der entschlossenen Zins- und Steuersenkungen in den USA sowie der Unterstützung aus Europa sei die Weltwirtschaft wieder auf Erholungskurs. Köhlers Einschätzung wird von zwei Studien des IWF und der OECD untermauert. Zumindest kurzfristig, so das Ergebnis, habe die Weltwirtschaft das Schockerlebnis gut verdaut. "Vor allem die amerikanischen Verbraucher fanden verblüffend schnell ihre Konsumfreude wieder", erläutert Jan Hatzius, Ökonom bei der Investmentbank Goldman Sachs. Niedrige Zinsen und großzügige Rabatte zum Beispiel für Neuwagen hätten die Kauflust angekurbelt und einem Anstieg der Sparquote entgegengewirkt.

Langfristig befürchten Ökonomen jedoch, dass der Wirtschaft höhere Transport- und Versicherungsprämien bevorstehen. "Wenn die USA ihre Grenzen stärker sichern, steigen die Kosten für den grenzüberschreitenden Verkehr von Gütern und Kapital", prophezeit Adam Posen, Ökonom beim Institute for International Economics (IIE) in Washington. Bei einem neuen Terroranschlag könnten die Prämien der Versicherungen darüber hinaus noch einmal in die Höhe schnellen.

USA:Tiefes Loch in der Haushaltskasse


Ein tiefes Loch haben die Terroranschläge ohne Zweifel in die Haushaltskasse der USA gerissen. Der Budgetüberschuss des vergangenen Jahres von 127 Mrd. $ verwandelte sich binnen zwölf Monaten in ein Defizit von vermutlich 165 Mrd. $ - das entspricht etwa 1,6 % des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts. "Die Haushaltsdisziplin hat deutlich nachgelassen", sagt Diane Swonk, Chefökonomin bei der Bank One in Chicago. "Es gibt eine starke Verschiebung vom privaten zum staatlichen Sektor." In der Tat: Washington hat allein seine Verteidigungsausgaben in diesem Jahr um 16 % gegenüber 2001 gesteigert. Sollte die hohe Kreditnachfrage des Staates von Dauer sein, dürften auch die Zinsen langfristig wieder steigen - die Finanzierung von Investitionen würde dann teurer.

Trotz allem glauben die meisten Experten nicht, dass ein neuer terroristischer Anschlag die US-Wirtschaft kollabieren lassen würde. "Wir haben unsere Unschuld bereits am 11. September verloren, deshalb sind wir jetzt besser vorbereitet", sagt Bank-One-Ökonomin Swonk. "Eine Panik ist unwahrscheinlich", meint auch IIE-Fachmann Posen.

Allerdings: Die US-Konjunktur steht derzeit auf ziemlich wackligen Beinen. Im zweiten Quartal ist die Wirtschaft nur schleppend gewachsen, einige Ökonomen befürchten gar einen zweiten Abschwung. "Ein neuer Anschlag könnte die Wirtschaft ohne weiteres in eine Rezession stürzen", warnt Goldman-Sachs-Experte Hatzius. Zwar dürfte die US-Notenbank dann der Konjunktur erneut mit Zinssenkungen zur Hilfe eilen. Großen Spielraum aber gebe es nicht mehr - die Leitzinsen sind schließlich mit 1,75 % bereits auf dem niedrigsten Stand seit 40 Jahren. Noch geringer erscheinen dem Ökonomen angesichts der angespannten Haushaltslage die Möglichkeiten, die Staatsausgaben noch einmal hochzufahren.

Spannungen in der internationalen Außen- und Handelspolitik


Neben den unmittelbaren wirtschaftlichen Gefahren sehen viele Experten nach den Anschlägen des 11. September auch verstärkte Spannun-gen in der internationalen Außen- und Handelspolitik. Handelsstreitigkeiten über Stahl- und Agrarprodukte hätten das Klima zu den europäischen Verbündeten unnötig belastet. Die wirtschafts- und außenpolitischen Alleingänge der USA "mussten den Eigensinn der Europäer geradezu herausfordern", meint Norman Ornstein vom American Enterprise Institut in Washington. Sein Kollege Posen von IIE rät der Regierung von US-Präsident George W. Bush deshalb, "mit Europa ein Stillhalteabkommen bei den Handelssanktionen zu schließen, damit die Außenpolitik der USA nicht die wirtschaftlichen Beziehungen belastet".

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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