Nach dem Amoklauf
Erfurt: Schwere Vorwürfe gegen Polizei

Der Einsatz von Polizei und Rettungskräften beim Erfurter Schulmassaker vom 26. April war nach einem Bericht des Magazins "Stern" von Fehlern und Pannen begleitet.

dpa HAMBURG/ERFURT. Wie das Hamburger Blatt in seiner am Mittwoch erscheinenden Ausgabe berichtet, erheben Angehörige der Opfer, Ärzte und Polizeibeamte schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen des Einsatzes. Das Thüringer Innenministerium kündigte noch für Dienstag eine Stellungnahme an.

In dem "Stern"-Bericht heißt es, die Polizei habe nicht schnell genug zugegriffen und die Rettungsteams seien nicht rechtzeitig zu den Verletzten vorgelassen worden. Nach Augenzeugenberichten hätten die niedergeschossenen Lehrer Peter Wolff und Hans Lippe noch mindestens eine Stunde gelebt, bevor sie an ihren schweren Verletzungen starben. Als die Retter Lippe auffanden, habe sein Herz "noch ganz normal" geschlagen, sagte ein Rettungsassistent dem "Stern".

Demnach überlebten auch zwei Schüler der Klasse 8c die Schüsse zunächst. Mitschüler hätten ihre Wunden notdürftig mit Kleidungsstücken versorgt. Erst knapp zweieinhalb Stunden nach den ersten Schüssen sei ein Arzt bei ihnen gewesen. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden Schüler dem Arzt zufolge noch keine halbe Stunde tot.

Selbst bei beteiligten Polizisten des Sondereinsatzkommandos stieß die zurückhaltende Einsatztaktik auf heftige Kritik. Der Erfurter Polizeidirektor Rainer Grube hatte sich wegen eines möglichen zweiten Täters für ein langsames Vordringen der Polizei entschieden. "Der Einsatzleiter hat definitiv gegen die Lage entschieden", sagte ein Beamter des Sondereinsatzkommandos laut "Stern". "Wenn ich weiß, dass es verletzte Kinder gibt, muss doch die Eigensicherung zurücktreten." Die schwer ausgerüsteten Polizisten seien darauf trainiert, notfalls auch als "Kugelfänger" herzuhalten.

Der 19 Jahre alte Robert Steinhäuser hatte im Erfurter Gutenberg- Gymnasium innerhalb von zehn Minuten 16 Menschen erschossen, bevor er sich selbst das Leben nahm. Die Thüringer Landesregierung hatte in ihrem "vorläufigen Abschlussbericht" vom 24. Juni erklärt, der Einsatz sei fehlerlos verlaufen. Die pathologischen Gutachten hätten bewiesen, "dass alle Opfer auch bei einer sofortigen medizinischen Notversorgung keine Überlebenschance gehabt hätten".

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