Nach dem Aus
Die Schweiz will jetzt mitfeiern

"Wir können Europameister werden. Und wir wollen", sagte Köbi Kuhn im Jahr 2005. Dieser Traum ist geplatzt. Nach dem Aus des Gastgebers richten sich die Blicke auf das übrige Turnier - und auf das letzte Spiel von Trainer Kuhn.

Wenn sie Jakob "Köbi" Kuhn überhaupt etwas vorwerfen, dann diesen Satz. Es ist November 2005 in Istanbul, die Schweizer Nationalmannschaft hat wenige Minuten zuvor in einem denkwürdigen Spiel unter Beschimpfungen, Tritten und Ohrfeigen die Türkei in der Summe zweier Spiele besiegt und sich die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2006 gesichert. Köbi Kuhn, der ansonsten so zurückhaltende Trainer der Schweizer "Nati", trat vor die Mikrofone, lobte seine Mannschaft, sprach seine Freude über die gelungen Qualifikation aus und ließ seine Gedanken schweifen hinein in den Sommer 2008: "Wir können Europameister werden. Und wir wollen."

Sie wollten, bis Mittwochnacht. In ihrem zweiten Gruppenspiel bei dieser EM gegen die Türkei rannten Kuhns Spieler, bis es zu regnen begann. Nachdem sich der Rasen in einen Sumpf verwandelt hatte, sprangen und schlitterten sie gewandter als ihre Gegner. Und deshalb führten sie durch ein Tor des gebürtigen Türken Hakan Yakin, verloren aber am Ende durch einen Kopfball von Sentürk (57.) und einen wuchtigen Schuss von Arda (92.) noch mit 1:2. Jetzt können sie nicht mehr Europameister werden. Die "Neue Züricher Zeitung" analysierte gestern nüchtern die Gründe und stellte fest: "Das einzige, was man Kuhn vorwerfen kann, ist, dass er die Erwartungen mit der Formulierung ?Euro-Titel 2008? in zu starkem Maße wachsen ließ."

Einem "Keulenschlag" (NZZ) gleich hat die Niederlage in der Wasserschlacht von Basel den Gastgeber aus seinem Traum gerissen. Nun ist er zu Ende, nicht einmal das Viertelfinale haben sie erreicht. Fehlt noch das letzte Gruppenspiel gegen Portugal. Ein letzter Auftritt dieser jungen Elf. Sie können es gewinnen, und vielleicht werden die Leute dann sagen: Es steckt doch Potenzial in dieser Elf, sie hätte es weit bringen können. Wahrscheinlich ist das aber nicht.

Die Portugiesen haben den einen Gegner der Schweizer, die Türken, im ersten Spiel 2:0 besiegt, und sie haben den anderen aus dem Eröffnungsspiel, Tschechien, am Ende doch mit Verve und Leichtigkeit 3:1 geschlagen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum keiner der Schweizer auch nur ein Wort über das letzte Spiel verlor. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Niederlage. Kapitän Magnin sagte, die Sterne seien nicht mit ihnen gewesen. Yakin sagte, dass er nichts sagen könne ("Ich bin sprachlos") und Kuhn erklärte, er sei enttäuscht, "riesig enttäuscht. Wir hatten alle Trümpfe in den Händen und jetzt sind diese leer".

Aber so sei das Leben. Erst gestern, als die Bilder aus dem St. Jakob-Park zu verblassen begannen, rückte das noch verbliebene Spiel in den Fokus. Denn es geht nicht nur darum, die "Ehre" zu retten oder die Heimat doch einmal tanzen zu lassen. Auch ist es zweitrangig, ob durch einen letzten Sieg diese EM auf dem Rost, am Zapfhahn oder im Trikotshop ein kommerzieller Erfolg wird. Es geht um Köbi Kuhn. Es wird sein letztes Spiel sein.

Knapp sieben Jahre nach seinem Aufstieg vom Jugend-Nationaltrainer zum obersten Übungsleiter der Eidgenossen verabschiedet sich der 64-Jährige aus dem Amt. Er hinterlässt seinem Nachfolger Ottmar Hitzfeld eine EM-Qualifikation (2004, Vorrunden-Aus), eine WM-Qualifikation (2006, Achtelfinale) und einen weiteren Satz neben jenem kühnen, die EM 2008 gewinnen zu wollen. "Als es 1:1 stand, da habe ich überlegt, was ich machen soll", erzählte Kuhn gestern von den letzten 30 Minuten des Spiels: "Soll ich das Remis halten? Dann würden wir jetzt vielleicht hier sitzen, Punkte zählen und Konstellationen abwägen." Das aber habe er nicht gewollt. "Ich wollte diesen Sieg, deshalb habe ich noch drei Offensivkräfte gebracht."

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