Nach dem Ausscheiden im Eishockey
Wenn die Schweden Trauer tragen

"Zehn Seiten über den schwärzesten Tag der schwedischen Sportgeschichte" - der Schriftzug prangte weiß auf schwarzem Grund über eine ganze Seite auf Schwedens größter Zeitung "Expresen". "Wie konnte das geschehen?", fragte sich eine in den Grundfesten erschütterte Nation. Schweden ist im Schockzustand.

STOCKHOLM. Das Land, in dem der Eishockey-Sport populärer ist als alle anderen Sportarten zusammen, erwachte am Donnerstag mit dem "größten Fiasko in der modernen Zeit", wie Schwedens führende Tageszeitung "Dagens Nyheter" festhielt. Das Drei-Kronen-Team, in der Heimat als sicherer Goldkandidat gehandelt, schied überraschend mit 3:4 gegen Weißrussland aus, eine Mannschaft, die nach Meinung der Experten "nicht einmal in der schwedischen Liga bestehen" würde, aber nun im Halbfinale auf Kanada (2:1 über Finnland) trifft. Das zweite Spiel bestreiten die USA (5:0 über Deutschland) und Russland (1:0 gegen Tschechien).

"Wir müssen einsehen, dass Schweden halt keine Wintersportnation ist", ironisierte TV-Sportkommentator Christer Ulfbåge, "Australien hat schon zwei Goldmedaillen, wir keine." Das Fernsehen zeigte immer und immer wieder den schlimmen Fehler des schwedischen Star-Torhüters Tommy Salo, der kurz vor Spielende zum Siegtreffer der Weißrussen führte - untermalt vom Beatles-Song "I am a Loser".

Nach Pensionsskandalen - der schwedische Ex-ABB-Chef sackte 148 Millionen Euro ein und offenbarte die Selbstbedienungsmentalität der schwedischen Wirtschaftselite - versagen jetzt auch noch die Millionen-Dollar-schweren NHL-Profis des Drei-Kronen-Teams. Damit nicht genug: Biathletin Magdalena Forsberg, die seit Jahren in ihrer Disziplin glänzt, und Per Elofsson, der Langlaufstar des vergangenen Jahres - sie patzten, holten kein Gold. Kritik an der Vorbereitung ist laut geworden, noch weisen die Verbände jegliche Schuld weit von sich. Die Medien allerdings fordern den Rücktritt des vorgestern noch so gefeierten Eishockey-Trainers Hardy Nilsson, ja des gesamten Drei-Kronen-Teams.

Schweden zwischen Selbstaufgabe und Zynismus. Das Land hatte sich für Salt Lake City viel vorgenommen und ist nun mit einer Silber- und drei Bronzemedaillen auf dem 19. Platz der Nationenwertung. Schlimmer aber: Nachbar Norwegen zeigt tagtäglich, dass der Wintersport doch im hohen Norden zu Hause ist. Und wie bei Nachbarn üblich, gönnt man dem Nebenan nicht die Butter auf dem Brot. "Svenska Dagbladet" reagierte, besann sich des Europagedankens und änderte den Medaillenspiegel: Jetzt führt die EU haushoch vor Nicht-EU-Mitglied Norwegen.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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