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Nach dem Dienstags-Debakel: Drei Musketiere retten die Wall Street

Damit hatte am Mittag schon keiner mehr gerechnet, doch die Wall Street hat (vorerst) eine Wende geschafft. Nach einem Dienstag mit rekordverdächtigen Verlusten machten die beiden großen US-Indizes zur Wochenmitte wieder Boden gut. Der Dow Jones kletterte um 144 Punkte oder 1,5 Prozent auf 9762 Punkte, die Nasdaq verbesserte sich um 20 Punkte oder 1,1 Prozent auf 1913 Punkte.

Drei Männer trieben den Handel an: Dennis Kozlowski, Mark Swartz und Alan Greenspan. Letzterer ist Chef der US-Notenbank, die am Mittag ihre Entscheidung bekannt gab, die Zinsen nicht weiter zu senken. Damit hatte man an der Wall Street allgemein damit gerechnet, und in ihrer Begründung lieferten die Konjunktur-Auguren auch keine wirklichen News. "Es überwiegen die Zeichen, dass die Schwäche in der Güternachfrage nachlässt, und die ökonomischen Aktivitäten wieder stärker werden", orakelte der Offenmarktausschuss, um hinterherzuschicken, dass man "nach wie vor das Risiko konjunktureller Schwäche" sehe. Damit waren Marktteilnehmer so schlau wie zuvor - und vor allem so schlau wie nach den letzten beiden öffentlichen Reden des Chairman.

Dennis Kozlowski und Mark Swartz wiederum arbeiten als CEO beziehungsweise Finanzchef beim Mischkonzern Tyco . Der war zuletzt durch undurchsichtige Buchführung und wackelige Pläne, die vier Firmensegmente einzeln an der NYSE zu notieren ins Gerede gekommen; Anleger sagten sich von der Aktie los, was diese zeitweise 25 Prozent ihres Wertes kostete. Um Schadensbegrenzung bemühten sich nun Kozlowski und Swartz, die ankündigten, für jeweils 500.000 Dollar eigene Aktien zu kaufen, da das Papier unterbewertet sei. Auch die Scharfrichter von Standard&Poor?s, die bei Bilanz-Unstimmigkeiten kein Auge zudrücken, geben Entwarnung. "Alle Fragen zur Buchhaltung bei Tyco wurden zu unserer Zufriedenheit geklärt", sagen die Experten. Und auch im Fall, dass der schwache Aktienmarkt die Erstnotierungen von vier Tyco-Ablegern vorerst verzögere, schade das "nicht der Glaubwürdigkeit und Kreditwürdigkeit" des Konzerns. Die Aktie von Tyco machte am Nachmittag eine Kehrtwende und verbesserte sich letztlich um 3,6 Prozent.

Während es bei Tyco aufwärts geht, können auch Aktionäre einiger anderer Unternehmen aufatmen, die wegen Gerüchten über etwaige Bilanz-Unstimmigkeiten zwei Tage auf der Verliererstraße gefahren waren. So erholt sich die Aktie vom Energieriesen Williams Cos , die mit einem Minus von nur noch 3,6 Prozent schloss. Papiere von WorldCom machten mehr als die Hälfte ihrer frühen Verluste gut und schließen mit 4,2 Prozent im Soll. Von einem Tagestief um minus 37 Prozent rappelt sich das Biotech-Unternehmen Elan auf. Das Wall Street Journal hatte hier Bilanz-Spekulationen aufgeworfen, gegen die sich das Management wehrt. Das breit verbesserte Vertrauen stützt Elan und lässt die Aktie mit einem Verlust von "nur noch" 17 Prozent schließen.

Aufwärts ging es allerdings auch für zahlreiche andere Werte. Tatsächlich gleichen sich marktbreit die Intraday-Charts. Ob IBM nach einem schwachen Januar, Intel vor dem Hintergrund durchwachsener Prognosen aus dem Chipsektor oder die gebeutelten Energie-Aktien von Exxon Mobil - sie alle machen zeitgleich mit Tyco Verluste wett.

Auch der Rüstungskonzern Northrop Grumman schloss zur Wochenmitte mit leichten gewinnen: Das Unternehmen hatte ein Gewinnwachstum von 50 Prozent im vierten Quartal gemeldet und weist ein Plus von 158 Millionen Dollar oder 1,55 Dollar pro Papier aus. Für 2002 hält CEO Kent Kresa an den Erwartungen fest, für 2003 stellt er zweistelliges Umsatz- und Gewinnwachstum in Aussicht. Die Aktie legte einige Zehntel zu.

Zwei Unternehmen, die sich indes nicht aus der Verlustzone retten können, sind AT&T und der Medienriese AOL Time Warner . Von Letzteren kam am Morgen nicht viel Positives: Das Unternehmen hat zwar einen Quartalsgewinn von 33 Cent pro Aktie und damit in Höhe der Erwartungen gemeldet. Der weltgrößte Medienkonzern hat, einmalige Kosten eingerechnet, seinen operativen Verlust aber weiter ausgebaut. Ein Minus von 1,8 Milliarden Dollar steht unter der Bilanz des vierten Quartals. AOL ging mit einem Minus von 1,2 Prozent aus dem Handel.

Mit einem Minus von 2,2 Prozent schloss AT&T . Der größte US-Telekommunikationskonzern und Dow-Wert, beendete das abgelaufene Quartal mit einem Gewinn von 5 Cent pro Aktie. Das ist zwar 1 Cent besser als der Markt erwartet hatte, im Vergleichsquartal des Vorjahres hatte man aber noch einen Gewinn von 24 Cent pro Papier ausweisen können. Nach einem Gewinnrückgang um 9,5 Prozent erwartet man auch für das laufende Quartal und das Jahr 2002 keine deutlichen Verbesserungen.

Fast spiegelbildlich verlief der Mittwoch für Philip Morris . Der gab Tagesgewinne ab und schloss mit einem leichten Minus. Der Tabakkonzern weist für das vierte Quartal ein Gewinnwachstum um elf Prozent auf 2,16 Milliarden Dollar der 99 Cents pro Aktie gestiegen. Damit wurden die Schätzungen der Analysten exakt erfüllt. Der Tabakkonzern stellt neben den Quartalszahlen auch einen neuen Firmenchef vor. Der 47-jährige Louis Camilleri, bisher Finanzchef, wird das Ruder von CEO Geoffrey Bible übernehmen.

Mit sicheren gewinnen schloss die Aktie von Kraft Foods , die den ganzen Tag über mit rund 4 Prozent im Plus handelte. Der größte Lebensmittelkonzern auf dem US-Markt hat mit einem Gewinnwachstum von 34 Prozent und einem Quartalsplus von 32 Cent pro Aktie die Analystenerwartungen übertroffen. Außerdem prognostiziert Kraft Foods weiteres Wachstum in 2002. "Es sieht gut aus; allerdings fragen wir uns, warum kein anderes Unternehmen der Branche solche Wachstumsraten vorweisen kann", lobt David Nelson, Analyst der Credit Suisse First Boston, der an seiner Kaufempfehlung festhält.

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