Nach dem Ende der Kämpfe im Irak erhalten die Demonstrationen eine neue Stoßrichtung: Spanier gehen gegen Aznar auf die Straße

Nach dem Ende der Kämpfe im Irak erhalten die Demonstrationen eine neue Stoßrichtung
Spanier gehen gegen Aznar auf die Straße

Friedensmärsche haben bei Spaniern keine Tradition. Ihren Protest werden die Spanier aber trotz des schnellen US-Sieges gegen das irakische Regime weiter auf die Straße tragen

MADRID. Schritt für Schritt marschieren Hunderte Gestalten in düsteren Gewändern und steil aufragenden Kapuzen durch Spaniens Städte. Die Gesichter sind mit Masken verdeckt, die Hände halten Kreuze oder Kerzen. Osterprozession statt Ostermarsch: eine Woche lang stehen religiöse Prozessionen im Mittelpunkt. Friedensmärsche haben bei Spaniern keine Tradition, trotz pazifistischer Grundeinstellung und zuletzt vehement demonstrierter Ablehnung des Irak-Krieges.

Ihren Protest werden die Spanier aber trotz des schnellen US-Sieges gegen das irakische Regime weiter auf die Straße tragen. Vorläufig, wohl bis zu den Regional- und Kommunalwahlen am 25. Mai, "enden die Demonstrationen nicht", meint Alejandro Navas, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universidad Navarra. Allerdings verlieren die ursprünglichen Anti-Kriegs- Proteste an Größe, weil sich die Botschaft der Demonstranten verändert: "Gegen den Krieg haben Linke wie Rechte protestiert", sagt Navas. "Jetzt ziehen sich die Rechten zurück und überlassen den Linken wieder das Feld." In den Vordergrund rückt jetzt der Protest gegen die Arbeit der konservativen Regierung insgesamt.

Die Kundgebungen begannen bereits vor Kriegsausbruch mit den Protesten der Studenten gegen ein neues Hochschulgesetz und gegen Versäumnisse der Aznar-Regierung beim Untergang des Öltankers "Prestige". Seit Monaten wird die Regierung von den Wählern bezichtigt, arrogant zu sein und sich von der Bevölkerung entfernt zu haben. Das Ansehen des Premiers war seit Übernahme der Regierungsgeschäfte 1996 nie so angekratzt wie jetzt. Die Regierung gibt sich jedoch optimistisch, den Konflikt unbeschadet zu überstehen, auch wenn die Sozialisten laut Umfragen die Volkspartei PP überholt haben.

Linke Parteien machen sich den Zorn der Bevölkerung für ihre Ziele zunutze und heizen die Wut weiter an. Im Parlament, wo die Regierung die absolute Mehrheit hält, können sie nicht viel ausrichten, sie mühen sich aber um Aufmerksamkeit: So spannten Abgeordnete der "Vereinigten Linke" Transparente mit der Aufschrift "Guerra No, Aznar Dimisión" (Nein zum Krieg, Aznar Rücktritt). Bei vielen Straßendemos liefen Vertreter der Sozialisten, der Vereinigten Linke und der Gewerkschaften in der ersten Reihe.

Die Proteste gelten als die größten in der Geschichte Spaniens, wo die Meinung erst mit dem Tod des Diktators Francisco Franco 1975 auf die Straßen getragen wurde. Demonstrationen gegen nukleare Gefahren wie in Deutschland sind allerdings unbekannt; die Grünen haben in Spanien sowie in den meisten lateinamerikanischen Ländern stets eine untergeordnete Rolle gespielt. Für Aufregung sorgte der Nato-Beitritt 1982: Damals führte der heutige EU-Beauftragte für die Außenpolitik, Javier Solana, die Straßenproteste gegen die Eingliederung Spaniens. Organisiert sind heute die wenigsten Kundgebungen, Absprachen unter Aktivistengruppen selten: "Demos in Spanien", sagt Navas, "haben was Spontanes."

Ostermärsche

Der Irak-Krieg verschafft den seit Jahren unter Teilnehmermangel leidenden Ostermärschen eine Renaissance. Bundesweit sind knapp 100 Aktionen für das kommende Wochenende geplant, im Vorjahr waren es etwa 70. Die Friedensbewegung habe eine neue Qualität bekommen, heißt es. "Es sind ganz neue Bündnisse zwischen verschiedenen Organisationen entstanden", sagt der Sprecher der Anti-Globalisierungsorganisation Attac in Deutschland, Malte Kreutzfeldt. Ob Kirchen, Gewerkschaften, Umweltschützer, Globalisierungskritiker oder Pazifisten, sie alle ziehen an einem Strang - und beteiligen sich an den Märschen. Gemeinsam sprechen sie sich gegen eine "Militarisierung Europas" als Gegengewicht zu den USA aus und mahnen faire Kooperationen mit Dritte-Welt-Ländern und der islamisch-arabischen Welt an.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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