Nach dem Führungswechsel
Telekom: Analysten rechnen mit Stillstand

Nach dem Abgang von Ron Sommer erwarten Analysten für die kommenden Monate keine strategische Neuausrichtung bei der Deutschen Telekom AG.

vwd DÜSSELDORF. Mit Helmut Sihler als vorübergehenden Vorstandsvorsitzenden werde zunächst Stillstand einkehren, befürchteten am Mittwoch zahlreiche Unternehmenskenner. Mit dem Wechsel an der Spitze des Bonner Konzerns wird allerdings die Hoffnung verbunden, dass der Schuldenabbau auch tatsächlich, wie angekündigt, rascher umgesetzt wird.

Im Blickpunkt der Branchenexperten steht zudem die Zukunft der Telekom-Tochter VoiceStream in den USA. Viele Analysten empfehlen zwar keinen Verkauf, aber schon eine Kooperation.

Nach Ansicht von ABN Amro ist der Rücktritt von Ron Sommer positiv zu bewerten. Jeder Wechsel sei ein Katalysator, um die Schuldenstruktur zu verbessern, erklärten die zuständigen Analysten. Die Verbindlichkeiten könnten jetzt über den Verkauf von Nichtkerngeschäften reduziert werden.

Ähnlich sahen es auch die Experten von Merrill Lynch, die die Aktien der Deutschen Telekom von von "Reduce/Sell" auf "Neutral" hochstuften.

Aus den personellen Änderungen könne sich eine pragmatischere Haltung zum Schuldenabbau ergeben, hieß es. Mit einem Verkauf des Kabelgeschäfts und von VoiceStream könne die Telekom die Schulden auf 50 Milliarden Euro EUR abbauen.

Deutlich skeptischer äußerten sich dagegen zahlreiche andere Analysten. Oliver Pfluger von der WGZ-Bank befürchtet eine Vertrauenskrise der Investoren, das Risiko weiterer Negativ-Nachrichten und eine erhöhte Unsicherheit bezüglich der künftigen Strategie des Konzerns. Er stufte die Telekom-Aktien von "Akkumulieren" auf "Reduzieren" herunter.

Helmut Sihler werde zudem den angekündigten Spar- und Konsolidierungskurs im Inland wohl nicht gegen interne Widerstände durchsetzen können, auch da mit Gerd Tenzer ein von den Gewerkschaften gestützter Stellvertreter maßgeblich die Konzernstrategie beeinflussen werde. Die gefundene Lösung sei "wenig konstruktiv". Sie führe wahrscheinlich "zu einem sechsmonatigen strategischen Vakuum" bei der Telekom, urteilten die Unternehmensexperten von Independent Research. In dieser Zeit werde es nur zu strategischen Arrondierungen kommen, die dem Konzern mittelfristig nicht helfen würden, von ihrem Schuldenberg weg zu kommen und für VoiceStream eine Lösung zu finden.

Der Telekom-Analyst der Bankgesellschaft Berlin, Ralf Hallmann, betonte ebenfalls, solange Sihler den Konzern leite, herrsche Stillstand. Es sei daher zu hoffen, dass die Suche nach seinem Nachfolger nicht volle sechs Monate dauere. Der neue Vorstandsvorsitzende müsse aber dann auch noch die "volle Handlungsfreiheit" bezüglich der künftigen Strategie haben, forderte Hallmann. Von einem kurzfristigen Strategiewechsel - etwa dem Verkauf von VoiceStream - sei daher auch abzuraten.

Andere Analysten und auch Fondsmanager erwarten jedoch, dass VoiceStream in den kommenden Monaten im Mittelpunkt der Telekom-Überlegungen stehen wird. Ein möglicher Verkauf sei im momentanen Marktumfeld schwierig, sagte DWS-Manager Henning Gebhardt zur Nachrichtenagentur vwd. Die US-Tochter könne aber auch in eine andere Gesellschaft eingebracht werden.

Auch Union-Investment-Sprecher Rolf Drees befürwortete eine Kooperation von VoiceStream. Die Analysten von Bear Stearns verwiesen darauf, dass mit einer Fusion oder einem Verkauf von VoiceStream zwar das Gruppenwachstum geopfert werde, dies aber für die Schuldenreduzierung und den künftigen Cash-Aufwand durchaus positiv zu sehen sei.

Eine andere Analystin warnte dagegen, die kurzfristigen Maßnahmen dürften nicht das langfristige Wachstumsziel des Konzerns beeinträchtigen. BGB-Analyst Hallmann verwies darauf, dass es zum Schuldenabbau noch große andere Einsparpotenziale gebe. Allein der Bilanzposten "Sonstige betriebliche Ausgaben" sei bei dem Telekommunikationskonzern ein wahres "Kostenmonster", sagte er.

Neben den bekannten Kürzungen im Werbeetat um 300 bis 400 Millionen Euro könne es auch Einsparungen bei den Vorleistungen geben. Zudem seien die laufenden Investitionen derzeit nicht sehr hoch, im Mobilfunkgeschäft würden die Kosten für die Gerätesubventionierung und die Neukunden-Gewinnung zurückgefahren.

Bei den DSL-Anschlüssen könne die Telekom außerdem auf Preiserhöhungen setzen. Zumindest vor dem 22. September erwarten Branchenkenner keine strategischen Entscheidungen bei der Deutschen Telekom. Goldman Sachs erklärte am Mittwoch, bis zur Bundestagswahl seien wohl alle Personal- und Strategieentscheidungen bei dem Unternehmen vorerst ausgesetzt.

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