Nach dem Hubschrauberabsturz in Afghanistan
Analyse: Soldaten sind kein Spielball der Politik

Kein Zweifel, die Flugsicherheitsexperten der Bundeswehr werden die Ursache des Hubschrauberabsturzes in der Nähe von Kabul akribisch untersuchen. Die wesentlich brisantere Frage nach dem Sinn des Todes von sieben Soldaten muss und kann freilich nur die Politik beantworten. Denn ob die Tragödie auf feindliche Einwirkung, auf technisches oder gar menschliches Versagen zurückzuführen ist, bleibt letztlich zweitrangig. Die relevanten, grausamen Fakten liefern die Särge.

Jeder Rekrut schwört oder gelobt kurz nach Empfang seiner Uniform, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen - also auch unter Einsatz seines Lebens. Eine größere Verpflichtung gegenüber einer Gemeinschaft gibt es nicht. Und deshalb muss dieser Eid zwingend honoriert werden. Für die Politik, in unserer Demokratie Gott sei Dank mit dem Primat über die Streitkräfte ausgestattet, bedeutet dies zweierlei: Sie muss den Soldaten das absolut Beste an Ausbildung und verfügbarer Ausrüstung zur Verfügung stellen. Risikominimierung ist hehre Pflicht. Der Hinweis auf Sparzwänge ist gleichbedeutend mit Vertrauensbruch, das Argument, für Auslandseinsätze würden schließlich nur Freiwillige mobilisiert, blanker Zynismus.

Doch es geht keineswegs nur um Materielles: Zur Verantwortung der Politik zählt genauso, permanent und äußerst sorgfältig zu sondieren, wo und wann Recht und Freiheit des deutschen Volkes verteidigt werden müssen. Wo ist es wert, dafür Leben zumeist junger Menschen in die Waagschale zu werfen? Diese Frage ist auch mehr als eine Dekade nach Ende des Kalten Krieges noch nicht schlüssig beantwortet.

Natürlich darf niemand angesichts humanitärer Katastrophen abseits stehen. Jedenfalls dann nicht, wenn man tatsächlich der Überzeugung ist, solche Krisen wie auf dem Balkan oder in Afghanistan mit Waffengewalt wenn nicht schon lösen, so doch mildern zu können. Aber Streitkräfte je nach Kalkül als Instrument der Außen- oder einer von ökonomischen Interessen dominierten Hegemonialpolitik zu betrachten grenzt an moralische Degradierung der einem Staat anvertrauten Soldaten. Und wer gar meint, nur aus vermeintlicher Furcht vor einer wie auch immer gearteten internationalen Isolierung unbedingt für eine Beteiligung an einem Feldzug gegen den Irak plädieren zu müssen, sollte sich Folgendes überlegen: Heiligt jeder Zweck auch das Mittel, zumal ein Waffengang gegen Bagdad bislang völkerrechtlich eher fragwürdig ist?

Sicher, der 11. September hat reichlich Emotionen geweckt. Doch diese Gefühle mit Verve zur psychologischen Kriegsführung zu nutzen, ist ein makabres Unterfangen. Nicht alles lässt sich unter der Rubrik "Kampf gegen den internationalen Terrorismus" verbuchen.

Dass Prävention, nicht Aggression die effektivste Form einer verantwortungsvollen Außen- und Sicherheitspolitik darstellt, ist längst eine Binsenweisheit. Aber diese muss die Politik den Bürgern mehr denn je vermitteln. Denn nur wenn dies gelingt, mögen die Angehörigen der jetzt bei Kabul ums Leben gekommenen jungen Bundeswehrsoldaten vielleicht einmal einen Sinn in Friedensmissionen im fernen Afghanistan oder in anderen Krisenherden der Welt erkennen.

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