Nach dem Kandidaten-Duell treffen erstmals die Stellvertreter aufeinander
Vizepräsident Cheney soll Kerrys Höhenflug stoppen

Ausgerechnet der finster dreinschauende Vizepräsident Dick Cheney soll den neuen Höhenflug des demokratischen Spitzenkandidaten John Kerry stoppen. In der mit Spannung erwarteten Fernseh-Debatte am Dienstagabend will der 63-jährige Cheney seine politische Erfahrung in die Waagschale werfen und den 51-jährigen Kerry-Vize John Edwards als Neuling im Geschäft brandmarken.

bac WASHINGTON. Der Vizepräsident gilt als graue Eminenz im Weißen Haus. "Er wird den 11. September in den Mittelpunkt der Diskussion rücken und auf die Prioritäten nationale Sicherheit und Heimatschutz pochen", sagte ein hochrangiger Republikaner.

Edwards will hingegen so oft wie möglich das H-Wort in die Debatte einflechten: Cheney war von 1995 bis 2000 Chef des Energie-Riesen Halliburton, dem die Demokraten eine "Verbandelung" mit der Bush-Administration vorwerfen. Halliburton bekam den Löwenanteil der amerikanischen Wieder- aufbau-Verträge für den Irak und stand zuletzt unter Beschuss, der US-Armee überteuerte Rechnungen ausgestellt zu haben. Darüber hinaus wird Edwards versuchen, die Militär-Aktion am Golf als verheerende Fehleinschätzung darzustellen, hieß es aus seinem Umfeld. Mit dieser Argumentationslinie hatte Kerry seine erste Fernseh-Debatte gegen Bush in der Nacht zum Freitag für sich entschieden.

Die Persönlichkeiten könnten unterschiedlicher nicht sein: Hier der oft griesgrämige und mit gepresster Stimme sprechende Cheney, dessen politische Karriere 1969 in der Nixon-Ära begann und der unter Präsident George Bush senior als Verteidigungsminister arbeitete. Dort der eloquente Strahlemann Edwards, der mit seinem Robert-Kennedy-Lächeln Massen elektrisieren kann. Cheney hat wie kein anderer Zugang zu Präsident George W. Bush: Vor dem Wahlkampf traf er den Chef des Weißen Hauses jeden Montag in einem kleinen Speiseraum neben dem "Oval Office" zum Mittagessen. Niemand erfuhr, was die beiden Männer besprochen hatten, nicht einmal Cheneys engste Berater. Nach dem 11. September trat der Vize als Mahner und Warner auf, der die Furcht vor neuen Anschlägen wach hielt. Als Herold des Anti-Terror-Krieges und Einpeitscher der Irak-Invasion stieg er zu Bushs größten Wadenbeißer auf. Er gilt als Galionsfigur der "Falken" im Kabinett. Auch vier Herzinfarkte konnten Cheneys Lust am Angriff nicht bremsen. Zuletzt preschte er mit der Attacke vor, dass unter Kerry ein Anschlag auf die USA "wahrscheinlicher" werde - eine Bemerkung, die er später relativierte.

Im Gegensatz zu dem düster wirkenden Cheney ist Optimismus das Markenzeichen von Edwards. Der Lieblings-Kandidat aller Schwiegermütter, den das Magazin "People" zum US-Politiker mit dem "größten Sex-Appeal" gekürt hatte, bringt ein Kunststück fertig: Er macht Front gegen die Spaltung in ein "Amerika der Privilegierten und ein Amerika der Habenichtse", ohne dabei in einen galligen Ton zu verfallen. Der Grundtenor der Botschaft ist Hoffnung. Das mag auch an Edwards? Biografie liegen, die sich wie eine Tellerwäscher-Legende liest. Er wuchs in Seneca in South Carolina auf, wo sein Vater in einer Textilfabrik schuftete. Edwards war der erste in der Familie, der aufs College ging. Später brachte er es als Verbraucher-Anwalt zu einem Vermögen. Seine größte Schwachstelle gegen Cheney: Die politische Laufbahn des Senators von North Carolina begann erst 1998.

Neben dem Trumpf der Erfahrung setzt das Bush-Team vor allem auf das Thema Steuersenkungen. Nicht zufällig unterzeichnete der Präsident gestern ein neues Gesetzes-Paket im heiß umkämpften Bundesstaat Iowa. Die Vorlage mit einem Gesamtvolumen von 131 Milliarden Dollar sieht eine Verlängerung von Einkommensteuer-Senkungen vor. Wichtigste Eckpunkte sind eine Steuer-Gutschrift für Kinder über 1000 Dollar pro Jahr sowie eine Verbreiterung der niedrigsten Steuergruppe. Auch den Unternehmen nutzt der warme Regen vom Fiskus: Sie können künftig rund 13 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung abschreiben.

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