Nach dem Niedergang der New Economy sitzen Institute in Europa und den USA auf einem Milliarden-Berg fauler Kredite
Banken schreiben massiv Kredite ab

Ein Geschäftsmodell implodiert: Während des Booms der 90er Jahre vergaben auch deutsche Geschäftsbanken freigiebig Kredite an Unternehmen aus der New Economy, in der Hoffnung sich damit attraktive Investmentbanking-Mandate zu sichern. Die Hoffnung platzte mit der Internetblase; jetzt müssen sie um Milliarden zittern.

FRANKFURT/M. Die Zahl ist gewaltig: Auf bis zu 130 Mrd. Dollar könnten sich in diesem Jahr die gesamten Kreditverluste in den Büchern nordamerikanischer und europäischer Banken summieren, schätzt die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman & Company (OWC). Das wäre gegenüber dem bereits schlechten Vorjahr noch einmal eine Steigerung um 20 Mrd. Dollar. Ein trauriger Rekord.

Die Probleme im Kreditgeschäft zwingen zu erhöhter Risikovorsorge und fressen damit die Erträge der Banken auf. Die Wurzeln der Probleme reichen zum Teil zurück in die Zeit des Börsenbooms, als die Geldhäuser in den späten neunziger Jahren Unternehmen aus der sogenannten New Economy, die in neue Technologien oder kostspielige Übernahmen investieren wollten, mit Krediten überschütteten. Einige Banken sahen damals die Chance, sich durch die freigiebige Vergabe von Darlehen attraktive Beratungsmandate im damals boomenden Investment-Banking zu sichern. Das Kalkül war simpel: Niedrigere Margen im Kreditgeschäft lassen sich durch hohe Provision im Investment-Banking leicht mehr als wettmachen, dachten sich damals die Geldhäuser.

Diese Hoffnung auf hohe Profite durch Quersubventionierung platzte mit der Internet-Blase an den Börsen: "Beim Versuch zu den Top-Investmentbanken aufzuschließen, haben sich zu viele Institute - vor allem einige europäische Banken - zu wenig um die Kreditqualität ihrer Kunden gekümmert", sagt OWC-Direktor Thomas Raab. Die hohen Ausfälle im Kreditgeschäft zeigten jetzt "überdeutlich, dass diese Strategie des Cross Selling fehlgeschlagen" sei.

Zu den Kandidaten, die versucht haben, durch aggressives Voranpreschen im Kreditgeschäft den Wall-Street-Häusern und den großen europäischen Spielern Marktanteile im Investment-Banking abzunehmen, zählt Raab auch führende deutsche Banken. Die Commerzbank und die Dresdner Bank gehören zu den Namen, die Analysten in diesem Zusammenhang immer wieder nennen, aber auch andere europäische Institute wie die spanische Großbank BSCH und die französischen Geldhäuser Société Générale und BNP sind betroffen.

Die Dresdner Bank verlor im ersten Halbjahr im Bereich Firmenkunden und Investment-Banking rund 800 Mill. Euro. 2002 wird die Risikovorsorge im Kreditgeschäft nach Schätzung von Bankchef Bernd Fahrholz mit rund 2 Mrd. Euro noch einmal höher ausfallen als im vergangenen Jahr.

Bei der Commerzbank sieht es kaum besser aus. Vorstandschef Klaus-Peter Müller hat bereits angekündigt, dass die Bank die ursprünglich anvisierte Risikovorsorge von 1,1 Mrd. Euro wohl um 200 Mill. Euro aufstocken muss. Beide Institute wollten die Kritik an ihrer Kreditpolitik nicht kommentieren.

Doch nicht nur europäische Banken erlagen der Versuchung, das Investment-Banking mit dem Kreditgeschäft zu verknüpfen. Die US-Branchenriesen JP Morgan Chase und die Citigroup haben ihre Finanzierungskraft im Kampf um Mandate für ihre Investmentbanken-Töchter sogar noch aggressiver eingesetzt.

"Besonders deutlich zeigen sich die Altlastenus der Phase des Technologiebooms in der Bilanzon JP Morgan Chase", sagt Analyst Metehan Sen vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Um 91 % brach das Ergebnis der zweitgrößten US-Bank im dritten Quartal ein. 834 Mill. Dollar musste JP Morgan für Kreditausfälle abschreiben viermal mehr als ein Jahr zuvor. Verantwortlich dafür waren vor allem Zahlungsausfälle in der Telekom - und Kabelbranche.

Die Citigroup konnte ihr Ergebnis im dritten Quartal zwar um 25 % verbessern, die Reserven für mögliche Kreditausfälle musste der US-Marktführer allerdings noch einmal um gut 280 Mill. Dollar auf knapp 11 Mrd. Dollar aufstocken.

"Die Koppelung von Kreditvergabe und Investment-Bankingerleitete zum Leichtsinn", warnt Sen. Die Banken müssten Darlehen rational nach harten Risiko-Ertrags-Kriterien vergeben, ansonsten ließen sich hohe Ausfälle kaum vermeiden.. Als positives Beispiel nennt der Analyst die Deutsche Bank, die zwar ein ähnliches Geschäftsmodell wie JP Morgan Chase oder die Cititgroup verfolge,ber traditionell eine "sehr rationale" Kreditpolitik betreibe.

Die Berater von OWC loben auch die Anstrengungen der Schweizer Großbank UBS, die kräftig ins Risikomanagement investiert habe. Andere Geldhäuser wie beispielsweise die britische HSBC hätten der Versuchung gleich ganz widerstanden, mit Hilfe ihrer starken Bilanz eine große Präsenz im Investment-Banking aufzubauen. Der Lohn für HSBC: Eine niedrigere Risikovorsorge als die Konkurrenz und auch an der Börse ging ihr Kursei weitem nicht so steil abwärts.

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