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Nach dem Telekom-Crash ... wird Nokia das nächste Opfer?

Nachdem in den vergangenen Wochen die Carrier in einem emotional aufgeladenen Aktienmarkt kräftig nach unten gebeutelt wurden, stellt sich nun die Frage wie weit die Hysterie noch reicht. Wann wackeln die nächsten Marktführer? Und wie stabil steht das Aktienschwergewicht Nokia?


Technologievorsprung, Markenimage und Marktführerbonus schrumpfen, meint Olaf Deininger

Gäbe es einen Preis für besondere Realitätsnähe, man müsste ihn den Finnen verleihen. Es genügt nämlich vollkommen, die Quartalsberichte des Hard- und Software-Konzerns zu studieren, um sich ein Bild über den Markt der mobilen Telekommunikation zu machen. Und der sorgt im Augenblick mit Macht dafür, dass Nokia - langsam und stetig - seiner klassischen Assets verlustig geht. Nicht dass der Aktienkurs morgen oder nächste Woche auf einmal radikal in den Keller sacken würde. Doch die Boni als Technologieführer, als Markt- und als Markenführer, die bislang gleichsam in den Aktienkurs eingepreist waren, erodieren so langsam.

Dem noch Marktführer machen im Hardware-Business die neuen Konkurrenten aus Asien und England zu schaffen. Und da hier das Geschäft nicht bei den Endverbrauchern, sondern im Business-Markt mit den Carriern als größte Abnehmer von mobilen Gerätschaften gemacht wird, die aber kein Geld haben, sieht es auch hier düster aus. Im Ausrüstergeschäft können Abschlüsse der letzten vier Wochen - was sind schon 50 Mill. Dollar aus Thailand? - nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch hier die leeren Kassen der Carrier dafür sorgen, dass die vielgerühmte mobile Zukunft einmal mehr mit Verspätung beginnt.

Auch über die Technologieführerschaft wird schon seit einiger Zeit diskutiert: Denn Nokia war einer der letzten Hersteller, die mit GPRS-Handys im Markt aufgetaucht sind. Und bei den neuen G3-Handys ist Herausforderer SonyEricsson mit großer Marke, gleichwertigem aber preiswerterem Gerät den Finnen dicht auf den Fersen. Hinzukommt, dass einige Analysten der Ansicht sind, dass sich in diesem Markt der neuen Geräte die Marktführerschaft eher als hinderlich erweisen könnte. Denn der Technologiewechsel bereite all jenen Schwierigkeiten, die ihr altes Gerät ersteinmal loswerden und begünstigen jene, die auf eine solche Erbschaft keine Rücksicht nehmen müssen.

Kein Wunder also, wenn vorsichtige Analysten Nokia still und leise auf "Verkaufen" stufen und dafür sorgen, dass die realitätsnahen Finnen zu einer Notierung auf Abruf werden, bei der - im hypernervösen Markt - ein kleiner Schmetterlingsschlag ausreicht, um einiges nach unten in Bewegung zu bringen.

Um den Abstand zur Konkurrenz zu halten reicht es aber noch, versetzt Stephan Sempert

Wird der Kurs von Nokia in den kommenden Wochen und Monaten noch arge Rückschläge erleiden? Mit Sicherheit, diese Vorhersage lässt sich ohne großes Risiko treffen. Denn während das eine, was alle wollten: vom Supermarkt aus Mutti oder Vatti anrufen, was denn noch mitzubringen wäre ­- während also der Markt der mobilen Telefoniererei längst erwachsen ist, steht die mobile multimediale Zukunft noch auf wackeligen Beinen. In dem einen Geschäft brechen also schon die Margen ein, weil das Telefon zum Mitnehmen an sich schon längst eine Commodity ist, während für das neue Geschäft noch kräftig und teuer am Markt experimentiert werden muss. Da sind Enttäuschungen vorprogrammiert, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann der besagte Schmetterlingsschlag genügt um die Bewertungen der Mobilfunkhersteller auf das Niveau fallen zu lassen, das die Kollegen aus der Carrier-Ecke bereits erreicht haben: Bodenhaftung nämlich.

Aber, auch das haben die vergangenen Wochen gezeigt: Schlechte Nachrichten eines Wettbewerbers sind beileibe nicht gute Nachrichten für den eigenen Kurs. Derlei branchenweite Sippenhaft ist der erste Ausdruck allgemeiner Unsicherheit und deswegen ist es ebenfalls ohne großes Risiko zu behaupten: Es wird alle miteinander erwischen, sobald er dann da ist, der Absturz. Und der Vorsprung von Nokia gegenüber seinen Mitbewerbern, der wird bleiben. Und das mit gutem Grund.

Denn Nokia verfügt über ein teuer bezahltes Gut, das in dieser Form kein anderer Hersteller hat: eine Marke mit hoher Anziehungskraft. Die gefährlichsten Angreifer in saturierten Märkten sind nämlich jene, die von ganz hinten kommen. Telefone und Palmtops unter "Handelsmarken³, will heißen unter dem Label der Carrier zum Beispiel. Oder flinke Asiaten, die auf Standardplattformen preiswerte Produkte aufsetzen. Solche Abräumer holen sich als erste Marktanteile in den unteren Zielgruppen und bei den schwächeren unter den größeren Marken, das war schon immer so und wird im Telefonmarkt nicht anders sein. Konservative Kunden dagegen geben gerne einen Euro extra dafür aus, auch bei neuen Funktionen keine neue Benutzerführung lernen zu müssen. Und ein Logo auf dem Handy zu haben, für dass man sich beim Telefonieren im Supermarkt nicht schämen muss.

Schreiben Sie den Autoren: olaf.deininger@mediaone-hh.de Stephan@Sempert.net

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