Nach dem verbalen Schlagabtausch lassen Mike Tyson und Lennox Lewis die Fäuste fliegen
Das Böse bittet zur Kasse

Es soll der teuerste Fight aller Zeiten sein. Ob das Duell Lewis gegen Tyson die hohen Erwartungen erfüllt, hängt vor allem von dem unberechenbaren Ohrenbeißer ab.

LOS ANGELES. Es war kein großer Bahnhof. Im Gegenteil. Fast unbemerkt schlich Mike Tyson in die Geburtsstadt des Rock?n Roll. Landung im Privatjet auf einer Außenlandebahn des Memphis International Airport. Raus aus dem Flugzeug und rein in die wartende Limousine. Danach ab durch die Mitte. Vorbei an wartenden Fotografen und Reportern. Der selbst ernannte "böseste Mensch des Planeten" hatte keine Lust auf PR in eigener Sache. Da zeigte sich Lennox Lewis von einer ganz anderen Seite. Der eher kühle britische Weltmeister genoss eine Parade durch die Beale Street, das Herzstück der verschlafenen Stadt im US-Bundesstaat Tennessee. Lewis saß auf der Kühlerhaube eines schwarzen Humvee, der im Schritttempo einer Highschool-Band und Tanzgruppen folgte. King Lennox im ehemaligen Königreich von Elvis. Rund 10 000 Fans standen Spalier. Und als Bürgermeister Willie Herenton dem Schwergewichts-Champ am Ende der Begrüßungstour den goldenen Schlüssel der Stadt überreichte, antwortete der Brite brav: "I love Memphis."

Doch dann legte Lewis werbewirksam nach: "Ich werde meine Gürtel behalten und Tyson k.o. schlagen", tönte er. Wohlweislich war der Herausforderer nicht in der Nähe. Ein zweites Handgemenge im Vorfeld des mit Spannung erwarteten Titelfights in der Pyramid-Arena (Sonntag, 4 Uhr MESZ, live auf Premiere) wollten sich die Manager der beiden Kontrahenten ersparen. Denn schon im Januar war Tyson bei einer Pressekonferenz in New York plötzlich auf Lewis und seine Entourage losgestürmt und hatte den Weltmeister ins Bein gebissen.

Als eine Handvoll internationaler Journalisten den 35-jährigen Amerikaner kürzlich auf Hawaii besuchte, wütete das Kraftpaket in bewährter Manier. Einer TV-Reporterin erklärte Tyson, dass er nur den Frauen Interviews gewähre, mit denen er auch Sex habe. Außerdem wurmte es ihn, Lennox Lewis "nicht gleich bei der Pressekonferenz in New York gekillt zu haben". Und überhaupt würde er dessen Gehirn während des kommenden Kampfes "im Ring verteilen" - obwohl Lewis bei den Buchmachern mit 2:1 favorisiert wird. Tyson ist vulgär und er schockt gern. Dass er die größte Faustkampf-Attraktion ist, sagt alles über den Zustand des Boxgewerbes.

"Er hat keinen Sinn und Verstand und ist eine Comic-Figur", sagt Lewis, und Promoter Bob Arum nennt Tyson schlichtweg den "größten Schandfleck in der Geschichte des Boxsports". Seit der Mann aus Brooklyn, der 1986 jüngster Schwergewichts-Meister aller Zeiten wurde, am 11. Februar 1990 in Tokio völlig überraschend dem 42:1-Außenseiter Buster Douglas durch k.o. unterlag, sorgte er vor allem außerhalb des Rings für Schlagzeilen. Drei Jahre musste der Champ wegen Vergewaltigung ins Gefängnis. Seine beiden stürmischen Ehen scheiterten und die 300 Millionen Dollar, die der Amerikaner bisher im Ring verdiente, soll er durch seinen lockeren Lebensstil längst verprasst haben. Allein in den vergangenen Monaten wurde der Box-Star zweimal der Vergewaltigung beschuldigt, zudem war er in eine Schlägerei in einem Strip-Lokal verwickelt.

Wegen solcher Eskapaden verweigerte Nevada Tyson die Lizenz für einen Kampf in Las Vegas. Das Duell der Giganten drohte zu platzen, bis Memphis das Risiko wegen des zu erwartenden Dollarregens einging. Auch ein jahrelanger Poker zwischen den rivalisierenden TV-Giganten HBO (Vertragspartner von Lewis) und Tysons Sender Showtime hatte den Mega-Fight immer wieder hinausgezögert. Jetzt ist die Rede vom teuersten Kampf aller Zeiten mit einem geschätzten Budget von über 100 Millionen Dollar. 19 185 Zuschauer sollen in die Pyramid-Arena strömen und 23 Millionen Dollar einbringen, obwohl es immer noch genügend Tickets in allen Preiskategorien von 500 bis 2 400 Dollar gibt. Vom Pay-per-View-Geschäft werden allein in den USA 100 Millionen Dollar erwartet, so dass am Ende Lewis und Tyson mit einer Rekordbörse von jeweils 30 Millionen Dollar rechnen können.

"Es gibt keinen Athleten auf dieser Welt", sagt Iron Mike, "der solche Summen immer wieder in derart kurzer Arbeitszeit verdient." Im Jahr 2000, als Tyson mit Julius Francis, Lou Savarese und Andrew Golota nur gegen drittklassige Gegner antrat, kassierte der Ohrenbeißer 48 Millionen Dollar.

Tyson, der gegen den dänischen "Bierkutscher" Brian Nielsen im vergangenen Oktober seinen letzten Kampf absolvierte, hätte gerne noch zwei Duelle vor dem Mega-Fight mit Lewis bestritten. Doch er folgte dem Ruf des Geldes. Und der 8. Juni könnte der letzte große Zahltag für den Goldzahn-Träger sein, der sich in Memphis verbal überraschend zurückhält. Beim Medien-Stelldichein am Dienstag haute Tyson für die Fotografen nur auf einen Sandsack und nicht auf die Pauke.

Für alle Fälle haben die Veranstalter aber Eddie Cotton als Referee berufen. Der ist zwei Meter groß und wiegt 110 Kilo. Acht Jahre verbrachte Cotton damit, Boxkämpfe in den Gefängnissen von New Jersey zu leiten. Ein besseres Zeugnis kann man als Ringrichter für den brisanten Kampf in Memphis wohl nicht haben.

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