Nach dem Vorentscheid zum Flughafenausbau erwacht die Protestbewegung zu neuem Leben
Gemeinden und Bürgerinititativen auf den Barrikaden

ap FRANKFURT/MAIN. Es ist eine Idylle: Birken, Eichen Kiefern und Pappeln stehen hier. Rad- und Wanderwege durchziehen den Wald. Familien aus dem nahe gelegenen Kelsterbach baden in einem Baggersee. Nur das entfernte Grollen startender Düsenjets macht deutlich, dass Bäume, Wald und See bedroht sind. Der Kelsterbacher Wald ist in das Visier der Flughafenplaner geraten. Nach dem Willen der hessischen Regierungsparteien CDU und FDP soll der Forst einer 2 800 Meter langen Landebahn weichen, damit der Frankfurter Flughafen weiter wachsen kann.

Wie vor 20 Jahren, als der Kampf um die Startbahn West begann, ziehen an diesem Tag Bürger zu einer stillen Protestaktion in den Wald. Sie haben Transparente dabei und kleine Bäume. "Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Baum pflanzen", sagt Wolfgang Ehle aus Neu-Isenburg und erinnert damit an Martin Luther: "Man kann manchmal von den Alten was lernen."

Erst zwei Tage zuvor habten die Ausbaugegner zu ihrem Waldspaziergang eingeladen. Trotzdem kommen an diesem Sonntag Hunderte Menschen aus dem ganzen Rhein-Main-Raum. "Viele Leute möchten heute zeigen, dass wir diesen Wald retten wollen", sagt Martin Kessel, Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiativen. "Der Protest geht jetzt erst richtig los."

Mit dem Votum für den Ausbau des Flughafens an seinem Nordwestrand haben sich CDU und FDP für die scheinbar schonendste Ausbauvariante ausgesprochen. Dennoch sind die ökologischen Auswirkungen immer noch gewaltig. Nach dem Ergebnis des Mediationsverfahrens müssten von dem 520 Hektar großen Kelsterbacher Forst 216 Hektar gefällt werden. Durch die neue Landebahn könnte die Kapazität des Rhein-Main-Airports auf 660 000 Flugbewegungen und 72 Mill. Passagiere im Jahr erhöht werden. 120 Flugzeuge könnten dann in Frankfurt pro Stunde starten oder landen.

Kelsterbach liegt bald im Vorfeld des Flughafens

Insgesamt 142 000 Menschen zusätzlich würden nach Inbetriebnahme der Landebahn Nordwest von Fluglärm betroffen, vor allem in Frankfurt und Offenbach. Kein Wunder dass der Offenbacher Oberbürgermeister Gerhard Grandke droht, er werde gegen das Projekt durch alle Instanzen klagen. Auch in den Städten in direkter Nähe des Flughafens macht sich Verzweiflung breit. Kommt die Landebahn Nordwest, landen die Flugzeuge nur 400 Meter vom nächsten Wohngebiet entfernt. Einige Gebäude im Kelsterbacher Gewerbegebiet Süd würden nach den Berechnungen der Mediationsgruppe in nur 37 Metern Höhe überflogen.

"Dort ist leben und arbeiten nicht mehr möglich", sagt Kelsterbachs Bürgermeister Erhard Engisch (SPD): "Wir liegen künftig auf dem Vorfeld des Flughafens." Nicht viel besser geht es der nahe gelegenen Stadt Flörsheim. Kommt der Wind aus Osten, verläuft die Einflugschneise zur neuen Landebahn in nur 239 Metern Höhe über dem Stadtgebiet. Als die Entscheidung der Regierungsparteien am Samstagnachmittag bekannt wurde, strömten hunderte Flörsheimer Bürger spontan auf dem Marktplatz zusammen. Die Trauerglocke der evangelischen Kirche läutete. "Die gesamte Region um Flörsheim steht zusammen", gibt sich Bürgermeister Dieter Wolf (CDU) kämpferisch.

Wie die Proteste weiter gehen sollen, darüber wird in den Bürgerinitiativen viel nachgegrübelt. Soll man, wie vor dem Bau der Startbahn West den Wald besetzen, soll man wieder ein Hüttendorf bauen? "Wir diskutieren viel über neue Aktionsformen", sagt Michael Wilk von der Bürgerinitiative aus Wiesbaden. "Man sollte aber auch auf Bewährtes zurückgreifen." Den Veteranen des Startbahnkampfes ist klar, dass Demonstrationen allein ein Großprojekt wie den Flughafenausbau nicht stoppen können. "Wir müssen stärker auf die juristische Auseinandersetzung setzen", sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Jürgen May aus Mörfelden-Walldorf: "Die Bahn ist noch lange nicht gebaut."



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