Nach den Börsenturbulenzen der vergangenen Monate hat die Suche nach den Schuldigen begonnen
Anleger kämpfen um ihre Rechte

Aktionäre lassen sich nichts mehr gefallen. Mit Hilfe von Aktionärsvereinigungen und Anwälten ziehen sie Vorstände, Aufsichtsräte und sogar externe Berater vor Gericht.

Fast dreitausend Mandate stapeln sich auf dem Tisch der Anwaltskanzlei Tilp & Kälberer in Kirchentellinsfurt bei Tübingen - eine Klageflut, die sich noch vor einem Jahr niemand hätte vorstellen können. Klagen enttäuschter Aktionäre sind heute der neueste Trend in der jungen europäischen Aktionärskultur. Nach dem Baisse-Wind, der über die europäischen Wachstumsmärkte besonders hart gefegt ist, suchen die Investoren hier zu Lande nun nach Schuldigen.

Die Verantwortlichen hoffen die Kläger in den Vorstands- und Aufsichtsratsetagen der Unternehmen zu finden, in die sie während des grassierenden Börsenfiebers ihre Ersparnisse gesteckt haben. "Dies ist ein ganz neues Phänomen", erklärt Harald Peterson, Leiter für Rechtsangelegenheiten bei der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). "In der Old Economy kam es zumindest in Deutschland nicht vor, dass Aktionäre die Unternehmen oder Geschäftsleitung verklagen - schließlich gab es nicht so viele Leute, die überhaupt Aktien hatten." Denn solange sich die meisten Aktien in den Händen einflussreicher Großaktionäre befanden, die über den Aufsichtsrat Einfluss auf die Geschäftsführung nehmen konnten, kam den wenigen Privatanlegern kaum eine Bedeutung zu. Die Entdeckung der Aktie durch die Kleinanleger aber hat - mit etwas Verzögerung - inzwischen auch deren Hunger auf Mitsprache in der Geschäftsführung ("corporate governance") geweckt.

Auch Unternehmen der Old Economy blieben vom Zorn der Aktionäre nicht verschont

Allein in Deutschland haben Aktionärsvertreter und Kanzleien eine ganze Reihe von Unternehmen der New Economy verklagt, bei denen Kursverluste Zweifel an deren Geschäftspraktiken ausgelöst hatten. Doch selbst Unternehmen der Old Economy, wie Deutsche Telekom und Daimler-Chrysler, hat ihr Zorn nicht verschont. Die Klageflut ist keineswegs nur ein deutsches Phänomen. Neben den früheren Neue-Markt-Lieblingen EM.TV und Intershop sehen sich zum Beispiel der belgische Spracherkennungsspezialist Lernout & Hauspie (L&H) oder der niederländische Internetdienst World Online massiven Vorwürfen der Anleger gegenüber.

Im Fall L&H hat die belgische Aktionärsvereinigung Deminor International SCRL dem Vorstand und seinen Rechts- und Finanzberatern Betrug vorgeworfen. Die Deutsche Telekom hat es mit mehreren Klagen aus den USA und Deutschland zu tun, die ihr vorwerfen, die Anleger bei ihrer letzten Aktienemission (13 Mrd. Euro) über ihre Geschäftsaussichten falsch informiert zu haben. "In Boom-Zeiten gibt es wenig Gründe zur Klage", erklärt David Morrison, Partner in der Kanzlei Sullivan & Cromwell. "Auch wenn der Markt fällt, kann man dafür natürlich zunächst niemand einzelnen verantwortlich machen. Und es ist auch klar, dass die Aktionäre das Risiko des Aktienmarktes schultern. Aber die Unternehmen sind nun einmal verpflichtet, den Aktionären Informationen zu geben."

Und so basieren die meisten Klagen zurzeit darauf, dass die Unternehmen ihrer Informationspflicht nicht nachgekommen sind. "Fälle wie EM.TV und die am Neuen Markt notierte Infomatec zeigen, dass die Anleger von den Unternehmen irregeführt wurden", so Jella Benner-Heinacher, Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Die Klagewelle ist gekommen, weil im fallenden Markt erkennbar wurde, wie und wo Unternehmen die Öffentlichkeit fehlgeleitet haben." Anwälte und Aktionärsgruppen begrüßen den neuen Shareholder-Aktivismus als Zeichen, dass die Anleger für ihre Rechte kämpfen. "Die Aktionäre sind besser informiert", beobachtet Bernard Thuysbaert, Partner der belgischen Aktionärsgruppe Deminor. Die Gruppe vertritt bis zu 4 % des Lernout & Hauspie-Kapitals in einem Verfahren gegen den früheren L&H-Vorstand, Rechtsberater sowie die Wirtschaftsprüfer KPMG.

Europäisches Rechtssystem hat Mängel

Bevor diese Klagen allerdings Rechtsgeschichte schreiben könnten, steht ihnen ein steiniger Weg durch die Instanzen bevor. Und noch verhindere das europäische Rechtssystem, dass diese Fälle wirklich siegreich für die Kläger enden, warnen Anwälte und Aktionärsvertreter. "Es ist noch sehr unklar, ob die Aktionäre, die gegen EM.TV klagen, Erfolg haben werden", sagt SdK-Rechtsleiter Petersen. "Es dürfte noch durchaus fünf bis sechs Jahre dauern, bis der Fall zur höchsten Gerichtsinstanz vordringt."

Da es das in den USA verbreitete Instrument der Gruppenklage in Europa bisher nirgendwo außer in Großbritannien gibt, steht ein wichtiges Mittel zur Bündelung der Aktionärsinteressen in den meisten europäischen Staaten nicht zur Verfügung. Doch selbst wenn es so etwas wie eine Gruppenklage gäbe, so sind die Grundsätze der "corporate governance" in den Statuten der europäischen Unternehmen nach Ansicht der Aktivisten noch zu wenig etabliert, als dass die Klagen einigermaßen sichere Aussichten auf Erfolg hätten. In Zuge der zunehmenden Initiativen aber haben sich einige europäische Regierungen vorgenommen, die Lage für die Aktionäre zu verbessern. In Deutschland befasst sich eine Regierungskommission mit nötigen Rechtsänderungen, in Belgien wurde die Lage bereits verbessert. Doch all dies ist erst der Anfang.

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