Nach den Terroranschlägen wächst Rezessionsgefahr
Kommentar: Amerikas Wirtschaft in der Vertrauenskrise

Heute werden in New York die Aktienmärkte eröffnet. Zugleich gehen, nur wenige Häuserblocks von der Wall Street entfernt, die Rettungsarbeiten auf dem Schuttberg des World Trade Centers weiter. Hier die Aktienhändler, die knapp eine Woche nach den Terroranschlägen in New York und Washington wieder an Kurse und Dollar denken sollen. Dort die Feuerwehrleute, die zwischen Schutt und Asche nach Überlebenden und Toten suchen. Dieses Bild zeigt die bizarre Situation, in der sich die Wirtschaft der USA jetzt befindet.

Die Terroranschläge auf die Symbole der wirtschaftlichen und militärischen Stärke der USA haben die ohnehin taumelnde Wirtschaft noch weiter aus dem Gleichgewicht gebracht. Die unmittelbaren Schockwellen sind bereits zu spüren: Konzerne wie Ford und General Electric warnen vor niedrigeren Gewinnen. Finanzinstitute haben durch die Zwangspause an den Börsen erhebliche Einnahmeeinbußen, Versicherungen werden auf Grund ihrer Haftungsverpflichtungen empfindliche Verluste erleiden. Mit am schlimmsten trifft es die bereits angeschlagenen Fluggesellschaften: Einnahmeverluste in Milliardenhöhe und horrende Schadenersatzforderungen könnten selbst die Marktführer American und United Airlines in die Insolvenz treiben.

Zwar weisen Experten darauf hin, dass die unmittelbaren Vermögensschäden durch die schrecklichen Attentate nur einen Bruchteil der Wirtschaftskraft Amerikas beeinträchtigen. Das Argument geht jedoch am Kern der Krise vorbei. Nicht die Sachschäden gefährden die US-Wirtschaft. Es sind die psychologischen Auswirkungen und hier insbesondere der drohende Vertrauensverlust bei Investoren und Verbrauchern. Der Dollar ist absturzgefährdet, seit die USA ihren Ruf als sicherer Hafen in Krisenzeiten verloren haben. Besonders kritisch ist das Verhalten der Konsumenten. Ihre Kauflust ist nach letzten Umfragen vor der Katastrophe weiter zurückgegangen. Zwar hoffen Experten auf eine patriotische Trotzreaktion, größere Anschaffungen werden viele Amerikaner aber erst einmal zurückstellen.

Historische Vergleiche helfen nur bedingt

Historische Vergleiche helfen nur bedingt weiter, um die Gefahr zu ermessen. Nach dem Attentat auf John F. Kennedy 1963 gab es keinen Vertrauenseinbruch. Der Golfkrieg 1990 hingegen, der Amerika ähnlich wie heute in einer wirtschaftlichen Schwächephase traf, gab der US-Wirtschaft den letzten Stoß in ein tiefes Rezessionstal. Wie reagiert die Wirtschaftspolitik auf diese Bedrohung? Der US-Kongress hat eine Soforthilfe von 40 Mrd. Dollar bewilligt. Die Hälfte davon zur Terrorismusbekämpfung, die andere für den Wiederaufbau. Weitere Hilfsgelder sollen folgen.

Die Staatsausgaben können zwar die privaten Investitionen nicht ersetzen, dennoch geben sie der Wirtschaft etwas Rückhalt.

Wichtiger für die Vertrauensbildung ist, was die US-Notenbank tut. Zunächst hat die Fed das einzig richtige getan und für ausreichende Liquidität gesorgt. Mehr als 100 Mrd. Dollar wurden in das US-Finanzsystem gepumpt. Der nächste Schritt wäre eine Senkung der Leitzinsen. Die Bondmärkte haben eine Lockerung von 50 Basispunkten auf drei Prozent bereits eingepreist. Analysten halten es für möglich, dass Fed-Chef Alan Greenspan noch vor der Markteröffnung am Montagmorgen die Zinsen senkt. Obwohl eine weitere Zinssenkung nicht unumstritten ist - die Fed hat in diesem Jahr den Leitzins bereits um drei Prozentpunkte gelockert -, kommt die US-Notenbank nicht daran vorbei. Die US-Wirtschaft braucht nach diesem Schock jede vertrauensbildende Maßnahme.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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