Nach der Flucht aus Kabul proben die Islamisten den Guerillakrieg
Kommentar: Der Taliban-Spuk verweht ziemlich schnell

Was sagen all die grünen Bedenkenträger und linken Schreibtischstrategen eigentlich nun? Noch vor einer Woche ereiferten sie sich über die „gescheiterte US-Strategie“ in Afghanistan und die „weitgehende militärische Wirkungslosigkeit“ der Bombenschläge.

Was sagen all die grünen Bedenkenträger und linken Schreibtischstrategen eigentlich nun? Noch vor einer Woche ereiferten sie sich über die "gescheiterte US-Strategie" in Afghanistan und die "weitgehende militärische Wirkungslosigkeit" der Bombenschläge. Seit gestern zeigt sich: Die Amerikaner liegen überraschend gut im Plan. Und die Taliban sind im ganzen Land auf der Flucht in die Berge. Wir dürfen gespannt sein, was dazu in den nächsten Tagen in der Hamburger Meinungspresse zu lesen sein wird.

Eine Argumentationslinie ergibt sich natürlich von selbst: Der Krieg in Afghanistan geht mit der Eroberung Kabuls keineswegs zu Ende. Selbst wenn Kandahar und die übrigen Taliban-Hochburgen im Süden des Landes in die Hände der Nordallianz fallen, können die islamistischen Terroristen aus den Bergen höchst gefährliche Guerilla-Angriffe starten. Militärisch bleibt ihnen von vornherein gar keine andere Option: In einem konventionellen Stellungskrieg haben Bodentruppen auch nicht die Spur einer Chance, wenn der Gegner wie im Falle der USA über die absolute Luftüberlegenheit verfügt.

Wie aber stehen die militärischen Chancen der Taliban im Guerillakrieg? Droht den Amerikanern wirklich ein "zweites Vietnam", wie viele Linke in Deutschland prophezeien? Werden die Taliban ihnen durch fortlaufende Nadelstiche eine Niederlage bereiten können wie vorher den Sowjet-Truppen? Bei realistischer Betrachtung erweist sich dieses militärische Szenario als höchst unwahrscheinlich. Die Linken fallen mit ihren apokalyptischen Prophezeiungen nur auf den Mythos des heroischen Guerillakämpfers hinein, den sie selbst über Jahrzehnte aufgebaut haben.

In Wahrheit gab es in der Nachkriegsgeschichte nicht ein einziges Beispiel einer erfolgreichen Guerilla-Armee, die aus eigener Kraft militärisch überlegene Kräfte geschlagen hätte. Ohne die Unterstützung der Sowjetunion und des gesamten sozialistischen Lagers, ohne die logistische Unterstützung aus China hätten die Nordvietnamesen 1975 niemals gesiegt. Und ohne amerikanische Stinger-Luftabwehrraketen und fortlaufende Waffenlieferungen aus Pakistan wäre in den achtziger Jahren an einen Erfolg der Mudschahedin im Kampf gegen die Sowjetunion nicht zu denken gewesen.

Die Taliban können heute zwar mit einiger Sympathie in der Region rechnen, aber nicht mit staatlicher Unterstützung aus den Nachbarländern. Das ist ein großer Unterschied. Mögen sich in Pakistan auch einige Tausend Graubärte mit Karabinern auf den Weg in die afghanischen Berge machen: Ohne die Hilfe der pakistanischen Regierung fehlt den Taliban künftig jeder ernst zu nehmende Nachschub.

Noch an einem weiteren entscheidenden Punkt stimmen die Analogien zu Vietnam und zur militärischen Niederlage der Sowjets in Afghanistan nicht: In beiden Fällen trafen die Supermächte auf eine Bevölkerung, die sich in ihrer Mehrheit politisch mit dem Guerillakampf identifizierte. Davon kann für die Taliban in Afghanistan keineswegs die Rede sein, wie schon die ersten Bilder aus Kabul gezeigt haben. Ihre Kernanhängerschaft besteht aus nicht mehr als zehn- bis zwanzigtausend Leuten, ihre Führungsgruppe aus nicht einmal drei Dutzend halbgebildeten Mullahs.

Wenn es den Amerikanern in der nächsten Phase gelingt, einen Keil zwischen die paschtunischen Stämme und die islamistischen Extremisten zu treiben, dann ist der ganze Taliban-Spuk möglicherweise viel schneller zu Ende, als viele denken. Die eigentliche Herausforderung für den Westen ist nicht der militärische Sieg, sondern der politische und wirtschaftliche Wiederaufbau in Afghanistan.

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