Nach der Gründungswelle wächst der Druck zur Konsolidierung
Europas Biotech-Branche braucht noch mehr Masse

Ungeachtet einiger Rückschläge in der Forschung bleibt die europäische Biotech-Industrie auf Expansionskurs. Allerdings wächst für die Unternehmen der Zwang zur kritischen Masse. Experten fordern daher bessere Strukturen, um grenzübergreifende Allianzen und Fusionen zu erleichtern.

FRANKFURT/M. Die europäische Biotech-Industrie ist - trotz schwacher Börsenkurse - in besserer Verfassung denn je gestartet. Dafür spricht unter anderem die jüngste Branchen-Analyse der Wirtschaftsprüfungs-Gruppe Ernst & Young. Die Zahl der Biotech-Unternehmen ist danach im vergangenen Jahr um weitere 16 % gewachsen, die Erlöse der Branche sogar um fast 40 % auf 8,7 Mrd. Euro. Allein ein Drittel davon entfällt allerdings auf die beiden Schwergewichte Serono und Elan, die traditionell bereits stark im klassischen Pharmageschäft verankert sind.

Die Experten von Ernst & Young, die die Branche seit Jahren besonders eingehend analysieren, gehen davon aus, dass sich der Gründungsboom weiter abschwächen wird. Zugleich warnt E&Y-Vorstandsmitglied Alfred Müller davor, die Branche alleine an der Zahl der Unternehmen zu messen.

Im Hinblick auf Produktentwicklung und Reifegrad der Unternehmen besteht nach wie vor ein erheblicher Abstand zum US-Biotech-Sektor. Lediglich sieben der gut 100 börsennotierten europäischen "Biotech"-Unternehmen bringen derzeit eine Marktkapitalisierung von mehr als 1 Mrd. Euro auf die Waage, gegenüber mehr als drei Dutzend in den USA. Und mit rund 33 Mrd. Euro hat die US-Branche fünfmal so viel an frischen Kapital hereingenommen wie die Europäer.

Trend zu Fusionen dürfte zunehmen

Im Vergleich zur Situation in den Vorjahren indes hat sich die Finanzkraft der europäischen Biotech-Branche durch fast 40 Börsengänge, eine Reihe von Zweitplatzierungen und üppige Venture-Finanzierungen erheblich verbessert. Die liquiden Mittel der börsennotierten Firmen reichen nach einer Analyse des Handelsblatts im Durchschnitt noch für gut vier Jahre, obwohl diese Unternehmen zusammen mehr als 1 Mrd. Euro Cash pro Jahr im laufenden Geschäft sowie durch Investitionen verbrauchen. Zudem stehen weiterhin große Summen an Risikokapital für die Branche bereit. Die finanzielle Beweglichkeit ist damit insgesamt erheblich gewachsen. Dies hat bereits im vergangenen Jahr dazu beigetragen, dass Fusionen, Allianzen und Unternehmenskäufe um mehr als ein Drittel zunahmen. Der Trend dürfte sich weiter verstärken. "Es laufen viele Gespräche zwischen Unternehmen mit hohem Cash-Bestand und Privatfirmen", vermutet Biotech-Experte Tom Geimer von Apax Venture. Als eines der Paradebeispiele für den Konsolidierungstrend gilt die Übernahme von Oxford Assymetry durch die Hamburger Evotec. Zudem mehren sich die transatlantischen Transaktionen. So haben sich im vergangenen Jahr u.a. Qiagen, Medigene, GPC und Lion Bioscience durch Zukäufe in den USA verstärkt. Qiagen setzte die Expansion jüngst durch Übernahme des führenden japanischen Herstellers von künstlichen DNA-Molekülen fort. Umgekehrt hat sich das amerikanische Biotech-Unternehmen Exelixis jetzt durch die Übernahme seines deutschen Partners Artemis GmbH verstärkt.

Die Experten von Ernst & Young fürchten unterdessen, dass die Konsolidierung der Branche durch die Fragmentierung der europäischen Kapitalmärkte und Rechtssysteme unnötig behindert wird. Müller fordert daher unter anderem eine bessere Abstimmung in der Forschungsförderung, eine einheitliche Besteuerungspolitik sowie eine "konsistente Preis- und Patentpolitik für Medikamente".

Schwäche: Entwicklung neuer Medikamente

Eine weitere Schwäche bleibt die Entwicklung neuer Medikamente. Zwar befinden sich laut E&Y inzwischen rund 280 Substanzen in der präklinischen und klinischen Entwicklung. Doch nur 27 Produkte haben bisher die abschließende Testphase erreicht. Und davon erwiesen sich jüngst mehrere Wirkstoffe als Fehlschlag, so insbesondere bei der Schweizer Actelion und der britischen SR Pharma. Eine der entscheidenden Herausforderungen für die Branche besteht aus Sicht vieler Experten darin, das Produktprogramm weiter zu verbreitern.

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