Nach der Landtagswahl
Wowi, die Wunderwaffe

Bei der Berlinder Landtagswahl wurde Klaus Wowereit in seinem Amt bestätigt. Zwar ist das Ergebnis nicht überwältigend, doch Wowereit erlebt seitdem einen ungeahnten medialen Auftrieb. Plötzlich wird dem Berliner Bürgermeister alles zugetraut.

BERLIN. Das ist ein Termin nach dem Geschmack des Regierenden Bürgermeisters. Routiniert locker begrüßt Klaus Wowereit den griechischen Präsidenten Karolos Papoulias, der mit einer Eskorte über die Straße des 17. Juni herangebraust ist. Während er sich mit dem Staatsgast auf das Brandenburger Tor zubewegt, deutet Wowereit mit den Händen den ehemaligen Verlauf der Mauer an und erklärt den Neubau der US-Botschaft. Am Straßenrand drängeln die Passanten. "Ich will ihn mal von vorne sehen", sagt eine junge Frau mit Foto-Handy. Sie zeigt auf Wowereit. "Und wer ist der andere?", fragt sie.

Auf der Ostseite des Tors warten die professionellen Fotografen. Geduldig posiert der Bürgermeister mit dem Besuch vor dem historischen Wahrzeichen der Stadt. Ein lebensgroßer Berliner Teddy-Bär aber, von einem der umliegenden TouristenRamschläden offenbar geschäftstüchtig in Gang gesetzt, wird von Wowereits Begleitern bestimmt aus dem Bild gedrängt: Die Zeit des Spaßpolitikers von der Spree ist vorbei. Der Mann mit hellblauer Krawatte und elegant-schwarzem Anzug spielt nun in der ersten Liga.

Keine 48 Stunden ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass Wowereit zum Sieger der Berliner Abgeordnetenhauswahl gekürt wurde. Seither erlebt der 52-Jährige einen gewaltigen medialen Auftrieb. Die Presse balgt sich um nichts sagende Interviews zur künftigen Koalition, die "New York Times" prophezeit dem "unglaublichen Star" schon "eine größere nationale Rolle", und das Massenblatt "Bild" titelt direkt: "Wird Wowi der erste schwule Kanzler?"

Nüchternen Menschen muss der Wowi-Hype ein wenig seltsam vorkommen. Zwar verfügt die SPD nur noch über fünf Ministerpräsidenten, was die Aufmerksamkeit fokussiert. Doch Matthias Platzeck (Brandenburg), Jens Böhrnsen (Bremen) und vor allem Kurt Beck (Rheinland-Pfalz) haben deutlich bessere Resultate als Wowereit eingefahren. Nur durch die geringe Wahlbeteiligung konnte der Bürgermeister sein Ergebnis von 29,7 auf 30,8 Prozent steigern. Absolut hat er 60 000 Stimmen verloren. Gerade mal jeder sechste wahlberechtigte Berliner machte am Sonntag sein Kreuzchen bei der SPD.

Doch um nackte Zahlen geht es gar nicht. "Klaus Wowereit ist konsequent Berlin wie kein anderer", hat sein Kollege Platzeck bei der SPD-Abschlusskundgebung am vorigen Freitag gesagt. Soll heißen: Trotz aller Probleme locker und cool, oft raubeinig und manchmal herzlich, voller Brüche und doch selbstbewusst. "Arm, aber sexy", hat Wowereit seine Stadt beschrieben. Irgendwie passt das auch zu dem bekennenden Schwulen, der ohne Vater als Sohn einer Arbeiterin aufwuchs.

In der hochverschuldeten Hauptstadt hat sich der Mann längst zu einer Pop-Ikone entwickelt. Bei politischen Kundgebungen werden ihm Rosen in die Hand gedrückt, und Wowereit eröffnet seinen Vortrag mit der Frage: "Wie ist die Stimmung?" Fällt die Antwort beim ersten Mal flau aus, stellt er die Frage noch ein zweites Mal. Da passt es, dass ihn Alfred Biolek und Thomas Gottschalk unterstützen, und der Politiker von einer SMS berichten kann, die ihm Star-Regisseur Wolfgang Petersen aus Los Angeles geschickt hat.

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