Nach der "Scheidung des Jahres"
Rennen um Jan Ullrich ist eröffnet

Nach seinem Bruch mit dem Telekom-Team, in dem Jan Ullrich 1995 sein Profi-Debüt gegeben hatte, stehen bei dem 28-jährigen Olympiasieger Interessenten Schlange. Die größten Chancen auf die Verpflichtung des wegen der Tabletten-Affäre noch bis zum 23. März 2003 gesperrten Ullrich haben CSC aus Dänemark und das Essener Coast-Team.

HB BERLIN. Das CSC-Team des ehemaligen Telekom-Profis Bjarne Riis will möglichst bei der WM Anfang Oktober in Zolder/Belgien einen namhaften Co-Sponsor präsentieren, mit dessen Hilfe eine Ullrich-Verpflichtung möglich wäre. "Die Marke Ullrich ist in Deutschland weiterhin für nahezu jede Branche enorm werbeträchtig", sagte der Bonner PR- Fachmann Tilmann Falt, der Ullrich zu dessen Anfangszeiten bei Telekom mit betreut hatte.

"Wir wollen ihn und sind in Verhandlungen, aber bevor mit dem neuen Sponsor noch nichts hundertprozentig ist, kann ich keinen Vertrag machen", erklärte Riis, unter dessen Fittichen Ullrich 1996 auf Anhieb Zweiter der Tour de France wurde und im folgenden Jahr als erster deutscher Radprofi in Paris das Gelbe Trikot trug. CSC, dessen bisheriger Co-Sponsor Tiscali abspringt, verzögert im Moment laufende Verhandlungen mit dem spanischen Doppel-Weltmeister Oscar Freire. Riis: "Das Optimum wären beide. Aber Jan ist ja nicht gratis."

Bis zum Einfrieren seines Telekom-Vertrages nach der Verkündung seiner Sperre im Juli kassierte Ullrich von den Bonnern ein Grundgehalt von rund 120 000 Euro pro Monat. Diesen Vertrag wollte Telekom modifizieren und den gebürtigen Rostocker in Zukunft nur noch leistungsbezogen bezahlen. Darauf wollte sich Ullrich offensichtlich nicht einlassen.

"Wir haben ihm bis zuletzt alle Türen offen gelassen", sagte Teamsprecher Olaf Ludwig. "Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber ich wollte einen Neuanfang", meinte Ullrich, der nicht im Ruf steht, besonders trainingsfleißig zu sein. "Wenn er kommt, weiß Jan, dass er machen muss, was Bjarne sagt", meinte der "strenge" Riis, der glaubt, Ullrich "in sechs Monaten wieder in Topform" bringen zu können.

Nach der "Scheidung des Jahres" ist auch Coast im Rennen um die Gunst des zweifachen Zeitfahr-Weltmeisters. "Wir müssen abklopfen, was Ullrichs sportliche Erwartungen an unser Team wären. Das Geld ist ihm nicht das Wichtigste. Es geht ihm um sein Comeback, und die Chancen dazu stehen gut. Ich weiß, dass Lance Armstrong höchstens noch zwei Jahre fährt", sagte Coast-Manager Marcel Wüst, der in Kontakt mit Ullrich-Manager Wolfgang Strohband steht.

"Ich hoffe, Jan hat die richtige Entscheidung getroffen und bekommt durch den Wechsel die richtige Motivation. In meinem Sport-Leben muss ich eine neue Seite aufschlagen. Bis zuletzt habe ich versucht, ihn noch umzustimmen", sagte Telekom-Teamchef Rudy Pevenage, zu dem Ullrich immer ein besonders enges Verhältnis hatte.

Aber der Weg zurück zur Spitze wird für Ullrich, der nach der zweiten Knie-Operation weiterhin in Reha-Behandlung ist und im Oktober mit dem Straßen-Training beginnen will, steinig. "Wenn Bjarne oder sonst wer Jan im nächsten Jahr bei der Tour aufs Podium bringt, würde ich sagen: Hut ab", meinte Pevenage, der seit 2000 mit Ullrich bei der Tour de France gegen den inzwischen vierfachen Gewinner Armstrong zwei Mal den Kürzeren zog.

Ullrich, der im Telekom-Dress Tour- und Vuelta-Sieger, Goldmedaillen-Gewinner in Sydney und zwei Mal Zeitfahr-Weltmeister wurde, ist zurzeit in Berlin. Dort will er nach Telekom-Informationen auch seinem langjährigen Trainer und Betreuer Peter Becker klarmachen, dass er in Zukunft auch auf dessen Dienste verzichten will.

In einem Interview mit dem Bonner Generalanzeiger zeigte sich Telekom-Kommunikations-Chef Jürgen Kindervater tief getroffen. Ein Tapetenwechsel bringe nichts: "Bloß, weil Sie die Brille wechseln, wird aus Regen kein Sonnenschein." Ullrich ist laut Kindervater ("Als Sportler hätte man diesem Team nicht mehr antun können, als es Ullrich getan hat") von Leuten mit "egoistischen Motiven" umgeben.

Nach dem Ausscheiden Ullrichs werde sich Telekom eventuell noch nach einem 24. Profi für die kommende Saison umschauen, "wenn es der Transfermarkt hergibt", meinte Pevenage. Nach der bereits erfolgten Verpflichtung des diesjährigen Giro-Siegers Paolo Savoldelli (Italien) und des hoffnungsvollen Cadel Evans (Australien) habe Telekom für 2003 Alternativen für die großen Rundfahrten.

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