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Nach der Wahl ist vor der Wahl

Vor jeder WM wird, wie vor jeder Wahl, über die taktischen Konzepte der Teams diskutiert. Deutsche Fußballexperten genießen einen hervorragenden Ruf. Die Politik versucht daher, sich dieses Fachwissen zu Nutze zu machen.

Und das sieht dann so aus: Der Spielmacher und Kapitän des SPD-Teams Gerhard Schröder holte sich für das Auswärtsspiel in Afghanistan im Mai die Lichtgestalt Franz Beckenbauer auf die Bank, um vom Wissen des Kaisers zu profitieren. Beckenbauer erklärte Schröder jedoch, dass man nicht nur durch die Mitte spielen dürfe. Echte Weltstars kommen sowohl über die rechte, als auch über die linke Flanke.

Was Schröder nicht gefiel, versuchte Jürgen Möllemann umzusetzen. Doch der FDP-Vize spielte ständig nur über rechts und das auch nur mit 18 Prozent. Weitere Probleme des FDP-Teams: Es fehlt den Mannen um Spielmacher Guido Westerwelle an mannschaftlicher Geschlossenheit und ausländische Stars konnten nicht integriert werden.

Edmund Stoiber macht das schon viel besser. Der Bayer hat die rechte Position aufgegeben. Mit dem Kompetenz-Team spielt er aggressiv nach vorne. Doch statt als Mittelfeldregisseur die Zweikämpfe anzunehmen, versuchte er im Rahmen seiner Rede vor dem CDU-Parteitag das Wahlkampf-Spiel mit der SPD einfach frühzeitig abzupfeifen. Er sagte einfach: "Das Spiel ist aus" und erklärte sich zum Sieger. Aber Herr Stoiber, als Unparteiischer kann man in Deutschland nicht Mannschaftsführer werden.

Das können die Grünen wohl auch vergessen. Sie zeigten sich bei ihrer taktischen Ausrichtung zwar flexibel, doch leider verstand niemand ihre Flügelwechsel und den gelegentlichen Trikottausch. Den Fans fehlte zuletzt völlig die Identifikation mit dem Team.

Die PDS hat dagegen eine klare Linie. Sie spielen einfach konsequent über links. Das große Problem der Mannschaft: Sie gewinnen keine Auswärtsspiele.

Die Ambitionen der Herausforderer auf die Kapitänsbinde lassen Gerhard Schröder bislang kalt. Der Kanzler hält den Ball zwar weiterhin taktisch in der Mitte flach, wurde zuletzt aber stark kritisiert. Ihm fehle der Zug zum Tor, heißt es.

Nach den enttäuschenden Resultaten des Teams in den vergangenen gut drei Jahren muss daher ein neues taktisches Konzept her. Mit Peter Hartz holte sich der Kanzler einen neuen Strategen für den Angriff. Hartz sollte zusammen mit seinem Trainerstab Vorschläge für eine Reform des Arbeitsmarktes erarbeiten.

Dessen Ergebnisse werden nun fleißig von allen Parteien diskutiert. Dabei zeigt sich, dass die taktischen Interpretationen mal wieder auseinander gehen. Letztlich war das aber auch im Fußball immer so: Franz Beckenbauer propagiert den Flügelwechsel, für Berti Vogts ist die Mannschaft der Star und wir Fans haben gelernt: Nach der Wahl ist vor der Wahl.

Schreiben Sie dem Autor: j.katemann@vhb.de

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